Kulturpolitische Papiere

Wir vertrauen der Kunst – Die Vorfälle in Chemnitz und ihre Folgen

Auszug aus dem Brief an die Mitglieder des Deutschen Bühnenvereins

Köln, 13.09.2018

Die Ereignisse in Chemnitz sind nicht nur ein weiterer Weckruf für Politik und die Sicherheitsbehörden. Sie fordern die Zivilgesellschaft heraus und damit auch die Theater und Orchester. Schon auf der Jahreshauptversammlung 2017 des Deutschen Bühnenvereins in Dresden haben wir alle gemeinsam beschlossen, unsere Aktivitäten gegen Rechtspopulismus und rechtsnationale Parteien zu verstärken. „Theater und Orchester wollen die Gesellschaft stärker dazu ermutigen, sich für Demokratie und offene Gesellschaft einzusetzen", sagte Ulrich Khuon zu diesem Anlass.

Dieser Aufgabe haben sich die Theater Chemnitz mit ihrer Antwort auf die aufgeheizte Stimmung in der Stadt gestellt. Das Open-Air-Konzert auf dem Theaterplatz am 7. September 2018 hat 6000 Besucher*innen angezogen. Unterstützt wurde der Chor beim Finalsatz von Beethoven 9. Sinfonie,  der „Ode an die Freunde", von Mitgliedern vieler anderer Chöre aus ganz Deutschland. Ein starkes Zeichen der Solidarität innerhalb der Theater- und Orchesterlandschaft. Darüber hinaus war das Konzert ein Ort der Begegnung und ein Angebot an alle Chemnitzer*innen, miteinander ins Gespräch zu kommen, wie der Generalintendant der Theater Chemnitz, Dr. Christoph Dittrich, im Vorfeld mehrfach betonte:

Konzert unter dem Motto „Gemeinsam stärker"
Interview BR-Klassik vom 5.9.2018

Der Diebstahl von ‚Wir sind das Volk' ist hingenommen worden
Ausführliches Interview im Online-Magazin VAN vom 5.9.2018

Im Anschluss an das Konzert fasste der Journalist Stefan Lang zusammen: „Sie (Christoph Dittrich) haben den Abend eröffnet mit dem Satz: ‚Wir vertrauen der Kunst'. Und man kann der Kunst vertrauen. Das hat der Abend gezeigt: dass die Kunst die Menschen erreicht."

Mit Beethoven gegen Rechts
FAZIT, Deutschlandfunk Kultur vom 7. 9.2018

Auch das Leipziger Gewandhausorchester und die Staatskapelle Dresden  wollen mit gemeinsamen „Konzerten für ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft" am 15. September 2018 in Leipzig und am 12. November 2018 in Dresden ein Zeichen setzen.  „Wir sind der festen Überzeugung, dass nur durch das Wiedererlangen der Dialogfähigkeit und des respektvollen Umgangs miteinander eine angstfreie und lebenswerte Gesellschaft möglich ist", heißt es in der Pressemitteilung.

Der Deutsche Bühnenverein begrüßt die Aktivitäten seiner sächsischen Mitglieder ebenso wie die vielen großen und kleinen Projekte, in denen Theater und Orchester in ganz Deutschland den gesellschaftlichen Dialog stärken, Diskursräume öffnen und gegen Rassismus und Ausgrenzung Stellung beziehen. Viele Bühnenvereins-Mitglieder haben in den letzten Jahren Aktionen gestartet und Initiativen unterstützt, die der Deutsche Bühnenverein auf seinen Social-Media-Kanälen und seiner Website verbreitet hat. Ein stärkerer Austausch untereinander und die gegenseitige Unterstützung - ob bei einem Häuser übergreifenden Chor oder über geteilte Aufrufe in den sozialen Netzwerken -  können wichtige Schritte zu einer gemeinsamen Antwort auf die Herausforderungen sein, die durch die Ereignisse in Chemnitz - oder jüngst auch in Köthen - deutlich geworden sind.

Insgesamt reicht es nicht aus, zu sagen, wogegen wir sind. So richtig und wichtig eine Abgrenzung nach rechts außen ist, so essentiell ist es auch, Brücken zu bauen und Verbindendes zu schaffen, damit die Gesellschaft nicht noch weiter auseinander driftet. In einer immer stärker singularisierten Gesellschaft muss das „Allgemeine" wieder und stets neu verhandelt werden. Theater und Orchester sind Angebote für die Allgemeinheit. Sie sind nicht alleine für die notwendige Auseinandersetzung mit den tieferliegenden Ursachen der Radikalisierung und den Gründen für die politische Frustration verantwortlich. Sie schaffen mit der Kunst aber sinnlich erfahrbare Welten, in denen wir uns selbst begegnen und spüren können, dass uns am Ende mehr verbindet, als uns trennt. Nicht müde zu werden in dem Versuch, miteinander im Dialog zu bleiben, das ist die Herausforderung.

Marc Grandmontagne

Der Autor

Marc Grandmontagne

Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins

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