Kulturpolitische Papiere

„Die Commons finden“

Eröffnungsrede zur Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft 2020 von Marc Grandmontagne, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins

Köln, 01.06.2020

Vorrede:

Wenn diese Rede veröffentlicht wird, wird die Konferenz in Gent einige Monate her sein und aus heutiger Sicht zu einer Zeit stattgefunden haben, die weit hinter uns zu liegen scheint. Das Coronavirus hat mittlerweile alles überlagert und Kausalitäten in Gang gesetzt, deren Bewältigung uns noch lange beschäftigen wird, auch im Theater: Die Verhinderung von Nähe trifft den Nerv künstlerischer Produktion auf der Bühne, auch das Publikum wird größtenteils ausgesperrt, Einnahmen brechen weg und die öffentlichen Kassen stehen vor erheblichen Einnahmeausfällen, was uns vor allem auf kommunaler Ebene sorgenvoll stimmt. Und trotzdem: Nichts von dem, was wir diskutiert haben und was ich gesagt habe, ist mittlerweile unrichtig geworden. Corona hat nichts Neues zutage gefördert, aber vieles beschleunigt und sichtbar gemacht, was früher oder später sowieso an Fragestellung auf uns zugekommen wäre. Gerade deswegen ist Pessimismus kein guter Ratgeber. Vielmehr sollten wir noch viel stärker als bisher daran arbeiten, das WAS in den Griff zu bekommen, indem wir uns auf das WIE konzentrieren. Aushandlung, Konfliktkultur und Empathie können dabei hilfreich sein, damit die Gesellschaft nicht ihre Humanität verliert. Denn gerade von der brauchen wir mehr in Zukunft.

Köln im Juni 2020, Marc Grandmontagne

Guten Morgen!

Ich freue mich, hier zu sein. Es ist immer eine große Freude, diese Konferenz am Jahresanfang mit zu eröffnen, und es ist eine große Tradition, dass der Deutsche Bühnenverein diese Konferenz mit fördert. Wir sehen uns aber auch als ein immaterieller Unterstützer, weil wir uns mit der Dramaturgischen Gesellschaft sehr verbunden fühlen.  Ich habe diese Konferenz immer als einen Raum erlebt, in dem frei nachgedacht wird und in dem mutig Lösungen angedacht werden. Und die können wir alle gebrauchen in diesen Zeiten, denn wir stehen insgesamt vor ziemlichen Herausforderungen, nicht nur in Deutschland sondern europaweit, oder: in diesem Kulturkreis, der bisweilen mit dem unterkomplexen Schlagwort „der Westen" beleuchtet worden ist.

Das Thema „Allies, Activists and Alternatives in European Theatre" oder: Wie können Theaterräume und Theaterprozesse zu Commons werden, das heißt zu Ressourcen, die selbst organisiert und fair von möglichst vielen jenseits von Markt und Staat benutzt werden können, ist eine ziemlich große Frage und auch eine, bei der es um nichts weniger als um die Zukunft des gesamten öffentlichen Theatersystems geht.

Ich bin jetzt im vierten Jahr in meinem Amt. In  dieser Zeit wurde ich von mehr Themen von innen und von außen umspült oder manchmal auch übergossen als, so glaube ich, meine Vorgänger in vielen Jahren. Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass sich die Welt sehr stark wandelt und dass wir auch innerhalb des Theatersystems vor gewaltigen, komplexen Herausforderungen stehen. Ich möchte ein paar dieser Herausforderungen nennen, um dann zu einer Frage zu kommen, die ich für entscheidend halte - auch für die nächsten drei Tage der Konferenz. Wenn ich kurz schlagwortartig die Themen nenne, die uns umtreiben, die mit Theater zu tun haben, dann merken Sie, wie komplex schon jedes einzelne davon ist. Wir reden über Arbeits- und Vergütungsbedingungen. Wir reden über die Mindestgage. Wir reden insbesondere über die Zukunft eines Vertragswerks wie das des NV Bühne, in Deutschland natürlich. Wir reden, auch international, über das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Wir reden über  #metoo, also über Macht und Missbrauch, über Herrschaftsverhältnisse, über Leitung, über Führung, über Angestelltendasein, über Chefsein, über Freiheit und Verantwortung. Wir reden über Diversität, über Equity. Wir reden über Zugang, über Teilhabe. Wir reden über Repräsentationsstrukturen.

Wir finden in Belgien, viel stärker als in Deutschland, eine Kolonialismusdebatte, auch, weil die kulturelle Erinnerung in Belgien eine andere ist. Die deutsche Erinnerung ist stark von der Shoah geprägt, auch vom Zweiten Weltkrieg. Das liegt in Belgien anders. Trotzdem können wir, glaube ich, von Belgien sehr viel lernen, viel Sensibilität vor allem - und müssen uns auch mit unserer deutschen Kolonialvergangenheit beschäftigen. Dazu gehört auch das Thema Rassismus und: struktureller Rassismus. Wie gehen wir um mit der Weltgesellschaft, die schon längst in unseren Städten und Landkreisen angekommen ist, und mit der Tatsache, dass die gesellschaftspolitischen Strukturen, die wir haben, um Entscheidungen zu treffen, Repräsentation zu finden und Konflikte zu schlichten, nicht auf der Höhe unserer Zeit sind. Wir sehen besorgniserregende Entwicklungen in Deutschland. Völkisch-autoritäres Denken ist auch bei uns wieder hoffähig geworden. Die Geschehnisse in Thüringen, in Hanau, in Celle allein in diesem Jahr und das Erstarken einer neuen Rechten (die sich nun auch noch eine Pandemie versucht, propagandistisch zu Nutze zu machen) zeigen uns, wie dünn der Faden ist, an dem unsere Zivilisation hängt und wie stark uns das beschäftigen muss. Wir sollten hier auch in die Tiefe gehen und herausfinden, was  eigentlich passiert ist und wie es passieren konnte. Und - zum Schluss dieser Aufzählung - ganz pragmatisch, aber nicht weniger relevant, bezogen auf den Arbeitsplatz Theater, stehen wir vor einem Fachkräftemangel im technischen und administrativen Bereich und müssen uns fragen, wie attraktiv der Arbeitsplatz Theater eigentlich noch ist und wie das, was wir an den Theatern zu bieten haben, in der Gesellschaft überhaupt ankommt.

Diese Themen alle anzugehen, würde schon für mehrere Leben reichen. Trotzdem beschleicht einen das Gefühl, dass da noch etwas fehlt.

Zwei Erkenntnisse sind mir dazu gekommen. Zum einen sind das alles keine theaterspezifischen Debatten, sondern im Gegenteil solche, die uns gesamtgesellschaftlich fordern und auch in anderen Bereichen akut sind. Und die zweite Erkenntnis oder Frage, um die es eigentlich geht und die auch wehtut, ist die: Bekommen wir dafür eigentlich Lösungen hin, in unserer Demokratie? Oder zugespitzter: Bekommen autoritäre Systeme den Klimawandel vielleicht schneller in den Griff als wir, weil da durchregiert werden kann? Und: Ist das besser oder ist das schlechter? Worin liegt eigentlich der Mehrwert der Demokratie? Warum ist das alles so kompliziert? Und wie können wir den Beweis erbringen, dass die Demokratie auch in Zukunft noch handlungsfähig ist und die richtige Staatsform? Ich meine: wenn wir diese Konflikte, diese Herausforderungen nicht mit demokratischen Mitteln lösen, dann gewinnen die, die jetzt schon bereitstehen und die Demokratie abschaffen wollen.

Aber was heißt das, konkret? Ich glaube: es geht gar nicht mehr um das „Was", also nicht um den Fachkräftemangel, das Klima, um völkisch-autoritäres Denken, also um die einzelnen Themen und wie wir zu ihnen stehen - sondern um das „Wie".

Wir sehen ja, dass die Zeit vorbei ist, in der Mehrheitsentscheidungen der Demokratie automatisch auch eine Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung haben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass größer werdende Teile der Gesellschaft an diesen Entscheidungen nicht partizipieren und diese auch nicht als legitimiert ansehen.

Das heißt, dass wir Menschen systematisch von der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe ausschließen. Das ist ein Problem das wir angehen müssen. Entscheidend ist nämlich nicht nur, was entschieden wird, sondern: wie. Nach welchen Werten kommt eine Entscheidung zustande? Nach welchen Verfahrensordnungen? Wer partizipiert? Wir leben in einer Zeit, in der die Zivilgesellschaft viel stärker als früher kompensiert, was an Vertrauen in den Staat zerfallen ist. Wir leben in einer Zeit, in der der globalisierte Kapitalismus wiederum den Staat und damit die Demokratie stark angegriffen hat. Die Globalisierung hat die Demokratie ihrer politischen Handlungsebene beraubt: dem Nationalstaat. Die Globalisierung hat zwar die Risiken auf die Welt verteilt, aber den und die Einzelne*n damit alleingelassen. Der Sozialstaat, eine der großen Errungenschaft der europäischen Gesellschaften, nach einer sehr blutigen Vorgeschichte, kann das nicht mehr auffangen, was die Globalisierung zerstört: Sie erhöht den Konkurrenzdruck, verhindert Solidarität und lässt den Einzelnen in der Auseinandersetzung mit den Risiken der Globalisierung alleine. Die Globalisierung verstärkt die sozialen Ungleichheiten. Auch heute noch hängt der Erfolg einzelner Menschen nicht davon ab, welche Ausbildung sie gemacht haben, sondern wieder und immer noch, in welche soziale Lage sie geboren wurden. Das heißt, der einzelne Mensch ist an einem bestimmten Punkt entmachtet. Und das führt zu gesellschaftlichen Konflikten, zu Disruption und sozialer Spaltung.

Wir wissen und spüren das und merken, dass wir damit umgehen müssen, haben aber bisher keinen guten Weg gefunden. Die Demokratie steckt in einer repräsentativen Krise. Denn: Wir wissen ja, was zu tun ist, in Bezug auf den Klimawandel, die Chancengerechtigkeit und die Diversität. Das ist alles ganz einfach, es gibt da überhaupt keinen Erkenntnismangel. Es gibt einen Umsetzungsmangel, der daran hängt, dass es uns schwerfällt, Kompromisse zu finden und auch Wege, diese in der Demokratie repräsentativ zu erlassen.

Die Art und Weise, wie unser Diskurs aktuell geführt wird, ist destruktiv. Debatten finden unter höchster Empörung und Erregung statt. Invektivität, also die Logik der Herabsetzung, ist etwas, das ubiquitär geworden ist. Was meine ich damit?

Auf der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins 2018 hat Bernhard Pörksen, der Medienwissenschaftler aus Tübingen, einen Vortrag gehalten. Sein Buch „Die Empörungsdemokratie" kennen Sie vielleicht. Und 2019 war die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler zu Gast, die den Sonderforschungsbereich „Invektivität - Die Logik der Herabsetzung" an der Universität Dresden leitet und Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung untersucht. Das Wort Invektivität ist ein Neologismus und kommt von der römischen Gattung der „Oratio Invectiva", also der Schmährede, die nicht zuletzt im Theater seit seiner Entstehung eine der wichtigsten performativen Formen der Rede gebildet hat.

In ihrer Rede, die ich sehr empfehle und die Sie in der Ausgabe 9 der Deutschen Bühne 2019, Seite 24 ff abgedruckt finden, schreibt Frau Münkler: „Die Wissensgesellschaft zeichnet sich nicht durch eine allgemeine Verbreiterung des Wissens aus, sondern durch ein generalisiertes Misstrauen gegenüber Experten und Institutionen. Sie zeichnet sich nicht durch eine gesteigerte Rationalität von Kommunikation aus, sondern durch gesteigerte Emotionalität, nicht durch Anerkennung, sondern durch Herabsetzung. Invektivität, also die Logik der Herabsetzung, die sich quasi ubiquitär in unterschiedlichen Konstellationen und mit zunehmender Dynamik verbreitet, ist damit zu einem zentralen Modus gesellschaftlicher Kommunikation geworden."

Sie alle wissen, wovon ich rede. Ich rede von Filterbubbles, ich rede von Echokammern, ich rede von Shitstorms. Das kann jedem und jeder passieren, jederzeit, ob Sie digital kommunizieren oder analog, und es führt zu Emotionen, es führt zu Wut, es führt auch zu Angst. Es zieht Leute aus dem öffentlichen Diskurs raus, und es führt zu Unwuchten in der Gesellschaft. Ich glaube, dass wir anfangen müssen, darüber zu reden, wie wir reden. Wir müssen nicht nur in der Demokratie über etwas reden, wir müssen über Demokratie reden. Wenn wir keinen Weg finden, mit jemandem zu reden, der eine andere Meinung hat, dann werden wir keine Kompromisse finden. Und eine Demokratie ohne Kompromisse ist völlig undenkbar. Wir werden daran arbeiten müssen, Lösungen zu finden, die in der Mehrheit eine Akzeptanz finden. Und damit leben, dass wir mit unseren eigenen Zielen vielleicht manchmal scheitern. Aber das ist eine Basis der Gemeinsamkeit.

Das ist auch das Thema dieser Konferenz, die „Commons": Wo sind die Gemeinsamkeiten in der Gesellschaft? Wo sind die Brücken? Wie finden wir eine Mehrheit, mit der wir operieren können? Nicht nur, aber auch im Theater. An jedem Kulturort müssen wir versuchen, die Menschen zu erreichen mit unserem Programm. Und das funktioniert nicht, indem immer weiter polarisiert wird.

Die Polarisierung ist ja auch sichtbar ein politisches Instrument der neuen Rechten, und zwar nicht nur die Polarisierung allgemein in der Gesellschaft, sondern auch die Polarisierung bei uns, den „Verteidigern" der Demokratie. Wir werden systematisch auseinanderdividiert. Das ist eine politische Strategie, die sehr gut aufgeht. Wir tappen ständig und immer in diese Fallen hinein.

Daher: Polarisierung und gesellschaftliche Zersplitterung sind die Themen, an denen wir  arbeiten müssen, sonst bekommen wir die anderen Themen nicht in den Griff. Wir bekommen den Klimawandel nicht in den Griff, wir bekommen eine gerechtere Gesellschaft nicht in den Griff. Wir müssen daran arbeiten, wie wir miteinander reden und zu Entscheidungen kommen. Das ist die Herausforderung dieser Zeit. Und wir sind alle ein Teil des Problems, weil wir mit Emotionen in diese Dynamik hineingesogen werden.

Ein Beispiel dafür ist der Like Button bei Facebook. Er zieht die Kommunikation von der informatorischen auf die emotionale Ebene, er emotionalisiert Kommunikation. Dadurch entsteht der berühmte Echoraum, in dem alle die gleiche Meinung haben, und schon ist eine bestimmte kritische Masse erreicht, die auch negativ darauf reagieren wird, wenn jemand eine andere Meinung hat. Und es sind die, die in der Mehrheit sind, die dann versuchen, die anderen auszugrenzen oder zum Verstummen zu bringen. Diese Dynamiken sind das Problem, unter diesen Vorzeichen kommen wir nicht zu Kompromissen oder sachlichen Lösungen.

Daran zu arbeiten ist auch der Auftrag für diese Konferenz. Wie finden wir Commons? Also etwas, was man im Mittelalter als Almende bezeichnet hat, etwas, das allen gehört, an dem alle teilhaben können.

Ein letzter Gedanke dazu: Die Idee der Gemeinsamkeit und der Commons können nicht isoliert von den wirtschaftlichen Verhältnissen betrachtet werden, also von Klasse oder sozialem Status. Der globalisierte Kapitalismus treibt uns in die Vereinzelung und die Isolation, durch die ökonomische Logik der Konkurrenz. Das merken wir auch in der Theaterförderung, wie schwierig es ist, Solidarität zu praktizieren.

Also zusammengefasst: Was tun? Wir müssen versuchen, die Spaltung zu überwinden, Risse zu kitten, Kompromisse zu finden und gegen die Radikalisierung des Einzelnen anzugehen.

Wie das geht, weiß ich auch nicht, aber ich erhoffe mir von diesen drei Tagen neue Impulse. Mich macht dieser Komplex auch ratlos.  Und wenn ich das hier nicht sagen soll, wo soll ich es denn sagen?

Vielleicht überprüfen Sie mal in den nächsten drei Tagen oder generell in Ihrem Leben und Arbeiten, wenn Sie so richtig empört sind über die Aussage eines Kollegen oder einer Kollegin oder eines Freundes, einer Freundin, eines Familienmitglieds, ob Sie trotzdem auf den oder diejenige zugehen und miteinander reden können. Und versuchen, eine Brücke zu bauen. Oder: sich selbst zu reflektieren - baue ich gerade eine Brücke oder polarisiere ich? Das ist in meinen Augen die große Herausforderung. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne Konferenz.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Gent, 6. Februar 2020

Die ganze Rede auf der Seite der Dramaturgischen Gesellschaft: https://dramaturgische-gesellschaft.de/blog/die-commons-finden/

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