Orchester-Schwerpunkt

Wie bei Schauspiel und Oper wurzelt auch der Reichtum des Konzertwesens in Deutschland in historisch gewachsenen Strukturen, die viele Zentren mit lokalen Musiktraditionen ausgeprägt haben. Selbst in kleineren Städten wie Meiningen oder Coburg gibt es Theater und Orchester; in Großstädten wie München, Berlin oder Hamburg können die Zuhörer unter den Konzerten von mehreren weltweit renommierten Orchestern auswählen. Mit den etwa 130 Sinfonieorchestern und zahlreichen Kammerorchestern gehört Deutschland, bezogen auf die Einwohnerzahl, zu den Ländern mit der höchsten Orchesterdichte. Das Rückgrat dieser Vielfalt bilden die 85 in Opern- und Theaterhäusern tätigen Orchester, deren Größe zwischen 40 und 130 Orchesterstellen variiert. Fast ausnahmslos treten sie auch als Konzertorchester in Erscheinung und bestreiten zumal in kleineren Städten einen Großteil des Konzertangebotes.

Geschichte

Die Vielfalt der deutschen Orchesterlandschaft und die tiefe regionale und lokale Verwurzelung vieler Orchester selbst in kleineren Städten verdankt sich Traditionen, die weit in die Geschichte höfischer Repräsentation und Kunstpflege zurückreichen. Da sich in Deutschland, ander als in Frankreich, Spanien oder England, auch nach Ende des Dreißigjährigen Krieges keine stark nationalstaatliche Zentralgewalt durchsetzen konnte, blieb das Land aufgesplittert in zahlreiche kleine Fürstentümer. Es gabe viele Höfe - und an vielen dieser Höfe Orchester. Im 19. Jahrhundert nahm sich dann das aufstrebende Bürgertum dieser Orchester an, heute haben die Kommunen und Länder das Erbe der Fürsten von einst übernommen.

Wandel

In den letzten 20 Jahren hat sich in der deutschen Orchesterlandschaft vieles verändert. Im Gefolge des gesellschaftlichen Wandels in den neuen Bundesländern nach der deutschen Wiedervereinigung wurden, nachdem die Übergangsfinanzierung des Bundes ausgelaufen war, Orchester fusioniert, verkleinert oder ganz aufgelöst [...]. Daneben gab es auch einige Fusionen oder Auflösungen im Westen. Aber es gab auch Neugründungen in den letzten 30 Jahren, die öffentlich finanziert oder zumindest gefördert werden. Sie finden sich vor allem im Bereich der Neuen Musik.

Gegenwart

[...] Wenn heute immer häufiger selbst traditionsreiche und künstlerisch ausgezeichnete Orchester um ihren Erhalt kämpfen müssen, ist das nur zum Teil der wirtschaftlichen Umbruchsituation und den fehlenden Steuermitteln geschuldet. In der modernen Mediengesellschaft sind den Orchestern (ebenso wie den Theatern) zahlreiche Konkurrenten im Wettbewerb um die Gunst des Publikums erwachsen, zudem steht das konzentrierte Lauschen auf bildlose Klangereignisse, wie es ein Sinfoniekonzert von den Hörern erfordert, der Beschleunigung und multimedialen Verdichtung der Informationen in der modernen IT-Gesellschaft diametral entgegen. Vor diesem Hintergrund ist vor allem die zeitgenössische Musik in eine schwierige Situation geraten. "Noch bis zum Kriegsbeginn funktionierte der natürliche Kreislauf eines neuen Werkes vom Musikfest in das Abonnementkonzert. [...] Heute ist Gegenwartsmusik fast völlig aus den normalen Konzerten verschwunden", stellte der Komponist Günter Bialas (1907-1995) bereits 1985 in einem Interview fest.

Allerdings ist im Zuge der postmodernen Entkrampfung hinsichtlich der Beziehung zeitgenössischer Werke zur Tradition auch wieder Musik entstanden, die dem intuitiven Hörer relativ gut zugänglich ist. [...]

so befindet sich Deutschlands Orchesterlandschaft derzeit in einem Wandlungsprozess, in dessen Verlauf viele neue Formen des Konzerts und des Austausches mit dem Publikum entstanden sind und vermutlich weiter entstehen werden.

(Auszug aus: Johannes Hirschler: Orchester und Konzertwesen in Deutschland. In: Theater und Orchester in Deutschland, Hrsg. Deutscher Bühnenverein.)

→ Zum Seitenanfang

 

Drucken