»Kunst hat eine widerständige Kraft«
Das Theater Oberhausen ist mit dem Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Stadt- und Staatstheater und Landesbühnen ausgezeichnet worden. Kathrin Mädler, Intendantin des Theater Oberhausen und Vizepräsidentin des Bühnenvereins, hält in ihrer Dankesrede ein Plädoyer für die Kunstfreiheit.
»Wir bedanken uns im Namen unseres gesamten Teams bei der von uns so hoch geschätzten Jury für diese Auszeichnung, die wir als überwältigende Wertschätzung unserer Arbeit begreifen. Wir stehen hier aber stellvertretend für eine - glücklicherweise noch - riesige Vielfalt an Bühnen in Deutschland, die alle auf ihre Weise künstlerische Höchstleistungen erbringen und gesellschaftliche Verbindungsarbeit machen. Und die an vielen Orten gerade hart um die finanziellen Mittel und damit um ihre Existenz kämpfen – darum, den Schatz und Reichtum dieser Arbeit zu bewahren und diese möglichst noch zu intensivieren. Wir befinden uns in einem existenziellen Aushandlungsmoment zur Bedeutung von Kunst in unserem demokratischen und menschlichen Miteinander. Und deshalb brauchen wir ganz dringend ein politisches und gesellschaftliches Grundbekenntnis zu dieser Kunst - von den Kommunen bis zur Kulturpolitik des Bundes.
Über Oberhausen prangen zwei Leitsätze. Der erste lautet: »Vielfalt ist meine Heimat.« Oberhausen ist eine wirklich arme Kommune, die sozial extrem gefordert ist, die von viel Demut und Demütigung weiß. Es ist aber vor allem eine durch Zuwanderung entstandene Stadtgesellschaft, die durch diese Hyperdiversität höchst lebendig ist und beweist, dass Verschiedenheit uns Alle bereichert. Und diese Kommune leistet sich schon immer ein gut ausgestattetes Theater. Nein, sie leistet sich das nicht, sie hält es für lebensnotwendig: Weil das Verbindende von Theaterarbeit den Zusammenhalt spiegelt, der diese Stadt ausmacht. Weil Theater die Schönheit der vielen Perspektiven der Menschen im Ruhrgebiet schätzt und sichtbar macht - die der diversen Herkunftsgeschichten, die der Arbeiter:innen, die queeren, die feministischen, die ungehörten und die flamboyanten Lebensgeschichten. Weil Theater Gegenerzählungen und marginalisierte Narrative feiert. Weil Theater von Mitgefühl und von Großzügigkeit geprägt ist - ebenso wie vom Geheimnis einer Zukunft, die wir uns gerade viel zu selten vorstellen mögen.
Der zweite Leitsatz über Oberhausen wirkt von Hilmar Hoffmann nach: »Kultur für Alle«. »Kultur für Alle« heißt: ein Öffnen der Räume und des Geistes, heißt Mut haben und Phantasie für ein Gespräch miteinander - so kompliziert es auch sein mag. »Kultur für Alle« heißt daran zu glauben, dass Gesellschaft mehr ist als die Summe ihrer Teile und Menschsein mehr als das pure Überleben im Kapitalismus. Diese beide Leitsätze haben wir in Oberhausen mitbekommen und wir glauben, dass sie für die Zukunft und für einen empathischen Kulturbegriff taugen.
Wir stehen hier deshalb mit großem Dank für die Menschen in Oberhausen, die mit uns Theater machen, die uns so viel Liebe entgegenbringen und so viel Herausforderung. Die ihre Schmerzen mit uns teilen und ihre Resolutheit und ihre Resilienz, von der wir alle lernen können.
Bei allem Respekt vor dieser Preisverleihung und bei aller Dankbarkeit, kann man - denke ich - vom Schatten, der über ihr hängt, nicht schweigen:
Kunst hat eine wirklichkeitsverändernde Kraft. Sie hat eine widerständige Kraft. Um sie zu erhalten, braucht es ein klares Bekenntnis zu genau diesem Irritations-Potenzial. Künstler:innen schöpfen täglich aus ihrem Persönlichsten, Intimsten, aus ihren eigenen Geschichten, aus ihrer Emotionalität, aus ihrer Haltung zur Welt.
Künstler:nnen erzeugen Widerspruch, sie stellen harte Fragen und werden dafür nicht geliebt; auch werfen sie schwierige Thesen in den Raum, verheben sich manchmal und büßen dafür. Das alles müssen Künstler:innen aushalten. Wir als Gesellschaft hingegen müssen aushalten, dass Kunst manchmal extrem und unangenehm ist und uns herausfordert und angeht. Dass sie sich im Politischen bewegt, natürlich, und bitte nicht (!) im Rahmen des politisch Gewünschten. Auch das ist in dieser Kunstfreiheit inbegriffen. Das ist die notwendige Zumutung für uns alle. Das genau ist die Kompliziertheit und die Mühsal, die wir permanent aushandeln müssen.
Was Künstler:innen dafür aber brauchen und verdienen ist Vertrauen. Vertrauen, dass sie sich natürlich mit aller Leidenschaft daran abarbeiten, unserer Gesellschaft den anderen Blick zu ermöglichen, die Frage, den Zweifel. Vertrauen, dass sie sich um der Kraft ihrer Kunst willen ins Feuer begeben. Was Künstler:innen NICHT aushalten müssen dürfen, ist Misstrauen und Einschüchterung. Kunstfreiheit bedeutet auch, dass es einen angstfreien Raum für die Entstehung von Kunst und die Diskussion konträrer Positionen geben muss. Keinen Safe Space, aber einen brave Space. Einen lebendigen Ort für Wachstum, für das Fragile und für die Kühnheit.
Ich möchte gerne daran glauben, dass die Verengung dieses Raumes, die wir gerade beobachten nur ein Irrlichtern ist und nicht ein Austesten neuer Grenzen von Kunst- und Meinungsfreiheit. Sollte es letzteres sein, werden wir die Theaterarbeit, die der Bund heute auszeichnet, nicht mehr lange haben. Dann wird die Enttäuschung zur Verzweiflung werden. Dann werden uns vor dem Geld Mut und Zuversicht ausgehen. Und dann werden wir alle sehr viel ärmer sein.
Vielen Dank für die Ehre dieses Preises. Wir senden alles Liebe zu den Kolleg:innen, die heute die Vorstellung zuhause betreuen und spielen. Feiern wir die Kraft des Theaters!«
Kathrin Mädler
Intendantin Theater Oberhausen
Vizepräsidentin des Deutschen Bühnenvereins