Die Nominierten
für DER FAUST 2026
Aus allen eingereichten Vorschlägen hat die Nominierten-Jury drei Nominierungen für jede der zwölf Kategorien bestimmt: Mehr als 60 Künstler:innen und Kollektive sind 2026 für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert.
Darsteller:in Tanz
- Ensemble Unusual Symptoms/tanzbar_bremen in »The Tide« | Theater Bremen, eine Kooperation mit tanzbar_bremen
Jury-Begründung:
»Unusual Symptoms« schafft auf der Bühne einen Raum des Zusammenlebens. Es sind die subtilen Qualitäten der Präsenz und die echte (nicht gespielte) Verletzlichkeit, die fesseln. Eine Performance, die so tief von der Realität durchdrungen ist, manifestiert eine Präsenz, die frei von narzisstischen Tendenzen ist, und führt so den Tanz zu einem Ausdruck der Notwendigkeit. Das Werk zeichnet sich durch die Vielfalt seiner Darsteller:innen und durch die Art und Weise aus, wie sich Tänzer:innen mit und ohne Behinderungen gemeinsam bewegen, um einen Raum des Zusammenlebens zu gestalten. Anstatt Unterschiede als Repräsentation zu betonen, ermöglicht die Choreografie verschiedenen Körpern Raum, Handlungsfähigkeit und Präsenz zu teilen, wodurch ein Beziehungsfeld entsteht, das auf gegenseitiger Anerkennung gründet.
Die gezeigte Verletzlichkeit erscheint als gelebter Zustand und trägt bei zu einer Atmosphäre der Authentizität und Achtsamkeit. Die Darsteller:innen bewahren eine Art des Seins, die offen, exponiert und tief mit der Realität ihrer Erfahrung verbunden bleibt.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Dance
Ensemble Unusual Symptoms/tanzbar_bremen in »The Tide«
Theater Bremen
A collaboration with tanzbar_bremen»Unusual Symptoms« creates a space for coexistence on stage. It is the subtle qualities of presence and the genuine (not feigned) vulnerability that captivate the audience. A performance so deeply imbued with reality manifests a presence free from narcissistic tendencies, thereby elevating dance to an expression of necessity. The work is characterised by the diversity of its performers and by the way in which dancers with and without disabilities move together to create a space of coexistence. Rather than emphasising differences for the sake of representation, the choreography allows different bodies to share space, agency and presence, thereby creating a field of relationships founded on mutual recognition.
The vulnerability on display appears as a lived state and contributes to an atmosphere of authenticity and mindfulness. The performers maintain a way of being that remains open, exposed and deeply connected to the reality of their experience.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Nora Monsecour erzählt in ihrem Solo »Façade« von sich als trans*Frau, Identität und Rollenbildern. Sie spielt mit einer überzeichneten Weiblichkeit und präsentiert sich wie auf einem Laufsteg, wodurch ihr Körper zu einer Projektionsfläche für die Vorstellungen anderer wird.
Schonungslos legt sie die Suche nach Haltung offen und überzeugt mit ihrer tänzerischen Ausstrahlung. Sie zieht den Zuschauenden eindrucksvoll in ihre Welt und erschafft durch ihren Tanz unterschiedliche Zustände. Dabei ziseliert sie die Bewegung sehr präzise, artikuliert ihren Ausdruck durch den Körper in faszinierender Weise.
Wie sie so zerbrechlich in einem alten Waschzuber sitzt und sich wäscht, erinnert an eine Szene in ihrer Kindheit. Stark, wie die Tanzende selbstbewusst auf Plateauschuhen steht und die Zeilen der Band Antony and the Johnsons singt: »One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman!«
- Jury-Statement (ENG)
Performance Dance
Nora Monsecour in »Façade«
Staatstheater Mainz/tanzmainzIn her solo piece »Façade«, Nora Monsecour explores her experience as a trans*woman, identity and role models. She plays with an exaggerated femininity and presents herself as if on a catwalk, turning her body into a projection screen for the perceptions of others.
She lays bare her search for self-assurance with unflinching honesty and captivates the audience with her charisma as a dancer. She draws the audience powerfully into her world and creates a variety of states through her dance. In doing so, she decorates out her movements with great precision, articulating her expression through her body in a fascinating way.
The way she sits so fragilely in an old wash tub, washing herself, is reminiscent of a scene from her childhood. It is powerful to see the dancer standing self-assuredly in platform shoes, singing the lyrics of the band Antony and the Johnsons: »One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman!«
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Der seit 2018 dem Stuttgarter Ballett angehörende Tänzer Martino Semenzato, seit 2025 Solist, überzeugt in seiner Rolle in »Oh Dear« durch eine außergewöhnlich intensive und vielschichtige Darstellung Franz Kafkas. Mit großer Glaubwürdigkeit verkörpert er das Leben und Leiden des Schriftstellers, seine Zweifel, Ängste, Hoffnungen und Beziehungsnöte auf dem Weg zur Selbstakzeptanz. In der Begegnung mit Schlüsselfiguren und seinem Alter Ego entfaltet Semenzato ein berührendes Rollenporträt von hoher emotionaler Dichte.
Besonders beeindruckend ist seine Fähigkeit, Gegensätze zu vereinen: Seine Darstellung ist kraftvoll und zugleich fragil, technisch präzise und von großer menschlicher Verletzlichkeit geprägt. Dank seiner hohen Bewegungsqualität, seiner Ausdrucksstärke und Bühnenpräsenz gelingt es ihm, die Spannung des Werkes durchgehend zu tragen. Er macht erfahrbar, dass Schwäche kein Versagen bedeutet, sondern auch Ausgangspunkt für persönliche Entwicklung und kreatives Schaffen ist.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Dance
Martino Semenzato as Franz Kafka in »Oh Dear«
Das Stuttgarter BallettMartino Semenzato, a dancer with the Stuttgart Ballet since 2018 and a soloist since 2025, delivers a compelling performance in his role in »Oh Dear« through an exceptionally intense and multi-layered portrayal of Franz Kafka. With great authenticity, he embodies the writer’s life and suffering, his doubts, fears, hopes and relationship struggles on his journey towards self-acceptance. In his encounters with key characters and his alter ego, Semenzato unfolds a moving portrayal of the character, rich in emotional depth.
Particularly impressive is his ability to reconcile opposites: his performance is powerful yet fragile, technically precise and characterised by great human vulnerability. Thanks to the quality of his movement, his expressiveness and his stage presence, he succeeds in sustaining the tension of the work throughout. He makes it tangible that weakness does not mean failure, but is also a starting point for personal development and creative expression.
- Jury-Statement (ENG)
Darsteller:in Schauspiel
- Shirin Ali als Hamlet in »Hamlet« | Nationaltheater Mannheim
Jury-Begründung:
Shirin Ali als Hamlet am Nationaltheater Mannheim ist ein Ereignis: energiegeladen, trotzig und verletzlich zugleich. Unter der Regie von Nuran David Calis wird ihr Hamlet zu einer Figur von großer Unmittelbarkeit: ein junger Mensch, der denkt, zweifelt, trauert, wütet und doch nicht verstummt.
Shirin Ali spielt Hamlet mit einer Präsenz, die den Raum elektrisiert: wach, körperlich, präzise, gefährdet und zugleich von gewaltiger Kraft. Sie liest die Rolle nicht bloß neu, sondern stößt sie in unsere Gegenwart – radikal lebendig. Shirin Ali zeigt eine Seele im Ausnahmezustand, hellsichtig, fragil, rebellisch. Zartheit und Trotz, Intelligenz und Schmerz, Verlorenheit und Widerstand durchdringen sich in jedem Moment. Ihr Spiel macht die berühmten Sätze existenziell, die Wut verständlich, die Trauer greifbar. So entsteht ein Hamlet, der aus dem Heute spricht und die alten Fragen mit neuer Dringlichkeit auflädt. Diese Darstellung ist atemberaubend.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Acting
Shirin Ali as Hamlet in »Hamlet«
Nationaltheater MannheimShirin Ali as Hamlet at the Nationaltheater Mannheim is a spectacle: full of energy, defiant and vulnerable all at once. Directed by Nuran David Calis, her Hamlet becomes a character of great immediacy: a young person who thinks, doubts, mourns, rages and yet never falls silent.
Shirin Ali plays Hamlet with a presence that electrifies the space: alert, physical, precise, vulnerable and yet imbued with immense power. She does not merely reinterpret the role, but propels it into our present – radically alive. Shirin Ali reveals a soul in a state of emergency: clear-sighted, fragile, rebellious. Tenderness and defiance, intelligence and pain, bewilderment and resistance intertwine in every moment. Her performance renders the famous lines existential, the anger comprehensible, the grief tangible. The result is a Hamlet who speaks from the present day and imbues the age-old questions with new urgency. This performance is breathtaking.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
»Ich lasse die Stadt erzittern«, sagt Paulina Alpen in »Die Welt im Rücken«, Thomas Melles rückhaltlos offener Auseinandersetzung mit seiner eigenen Bipolarität. Und tatsächlich: Paulina Alpen lässt uns erzittern. Mit radikaler Durchlässigkeit und Offenheit durchmisst sie diesen Text, ein Parforceritt durch eine Welt zwischen Ausgrenzung, Absturz und Höhenflug. Hier gibt es kein Netz, keine Absicherung – und sollte es je einen Gedanken an Spielökonomie gegeben haben, ist er nicht erkenn- oder spürbar.
Paulina Alpen wandert durch alle Stadien von Manie und Depression, intuitiv, intensiv, mit einer natürlichen Ausstrahlung und Selbstverständlichkeit, die angesichts der formstarken Inszenierung von Lucia Bihler staunen lässt und zutiefst berührt. Nicht mitleidsheischend, nie sentimental, sondern wütend, auch komisch – und sehr ehrlich.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Acting
Paulina Alpen as Thomas Melle in »Die Welt im Rücken«
Schauspiel Stuttgart»I’ll make the city tremble«, says Paulina Alpen in »Die Welt im Rücken«, Thomas Melle’s unreservedly candid exploration of his own bipolar disorder. And indeed: Paulina Alpen makes us tremble. With radical transparency and candour, she navigates this text – a breakneck ride through a world caught between exclusion, collapse and euphoria. There is no safety net here, no safety measures – and if there was ever any thought of economising on the performance, it is neither discernible nor perceptible.
Paulina Alpen moves through all the stages of mania and depression, intuitively, intensely, with a natural charisma and ease that, against the backdrop of Lucia Bihler’s visually striking production, leaves one in awe and deeply moved. Not seeking pity, never sentimental, but angry, even funny – and very honest.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Jens Harzer entführt uns in »De Profundis« in die titelgebenden Tiefen und Abgründe einer menschlichen Existenz und lässt uns daraus herausschauen – auf nichts weniger als die Welt und das Sein. Auf engstem Raum, der anfangs dunkel, irgendwann hell ist, mal in kaltem, mal in warmem Licht, nimmt Jens Harzer auf spektakuläre, gedanklich scharfe, emotional tiefe Weise das Publikum mit auf die innere und äußere Reise, die Oscar Wilde über zwei Jahre im Zuchthaus durchleben musste: Am Anfang zeigt Harzer einen Mann, der mit seinem unheilvollen Geliebten abrechnet, der sich seiner eigenen Eitelkeit bewusst ist und dennoch seinen Stolz bewahrt. Der sich an die Bedeutung als Künstler klammert, der immer deutlicher delirierend wahnsinnig wird: vor Einsamkeit, physischem und metaphysischem Schmerz. Und der am Ende als ein anderer Mensch, weniger geläutert als gezeichnet, das Gefängnis verlässt. Jens Harzer ist auf der Bühne ein existenziell Suchender und das ist schlichtweg ein Ereignis.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Acting
Jens Harzer in »De Profundis«
Berliner EnsembleIn »De Profundis«, Jens Harzer draws us into the eponymous depths and abysses of human existence and allows us to look out from there – at nothing less than the world and existence itself. In a very confined space, which is dark at first and eventually becomes light, at times bathed in cold light, at others in warm, Jens Harzer takes the audience on an inner and outer journey – the one Oscar Wilde was forced to endure during his two years in prison – in a spectacular, intellectually incisive and emotionally profound manner: At the outset, Harzer portrays a man settling scores with his ill-fated lover, a man aware of his own vanity yet still retaining his pride. A man clinging to his significance as an artist, who becomes increasingly delirious and mad: driven to it by loneliness, physical and metaphysical pain. And who, in the end, leaves prison a changed man – less purified than scarred. On stage, Jens Harzer is an existential seeker, and that is quite simply a spectacle.
- Jury-Statement (ENG)
Darsteller:in Musiktheater
- Ambur Braid als Katerina Lwowna Ismailowa in »Lady Macbeth von Mzensk« | Komische Oper Berlin
Jury-Begründung:
Stimmlich und darstellerisch ist Ambur Braid den großen Herausforderungen der Partie der Katerina in jedem Moment gewachsen. Sie besitzt das notwendige Volumen, um jederzeit den vollen Orchesterklang des Werks zu führen. Dabei kommt ihre freie Höhe eindrucksvoll zum Tragen. Gleichzeitig erlauben es ihre phänomenale Technik und die reiche Substanz ihrer Stimme, große dynamische Nuancen zu realisieren und gestützt durch ihre großartige Musikalität die Zuschauenden in ihren Bann zu ziehen.
Gleichermaßen ist Ambur Braid darstellerisch eine Ausnahmekünstlerin. Jederzeit authentisch zieht sie uns in ihren Bann, fordert zum Miterleben und Mitleiden heraus und lässt niemanden im Publikum teilnahmslos. In dem überwältigenden Farbenreichtum ihres Spiels sind Auflehnung und Verletzlichkeit ebenso nachfühlbar wie die verzweifelte Einsamkeit ihrer Figur.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Music Theatre
Ambur Braid as Katerina Lvovna Ismailova in »Lady Macbeth of Mzensk«
Komische Oper BerlinBoth vocally and in her acting, Ambur Braid is fully up to the great challenges of the role of Katerina at every moment. She possesses the necessary volume to carry the work’s full orchestral sound at all times. Her effortless high register comes into its own impressively. At the same time, her phenomenal technique and the rich substance of her voice allow her to realise vast dynamic nuances and, supported by her magnificent musicality, to captivate the audience.
Equally, Ambur Braid is an exceptional performer. Authentic at all times, she captivates us, challenges us to share in her experiences and sympathise with her, and leaves no one in the audience unmoved. In the overwhelming richness of her performance, rebellion and vulnerability are just as palpable as her character’s desperate loneliness.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Darsteller wie Richard Glöckner muss man suchen, nicht nur in seiner Generation! Stilsicher, mit großem Charme und darstellerischer Sicherheit beherrscht er alle Bereiche von Gesang über Schauspiel bis hin zum Tanz. Was den jungen Tenor besonders auszeichnet, ist jenes mühelose »je-ne-sais-quoi«, das ihn für das Genre des heiteren Musiktheaters besonders qualifiziert, und das wie alles Heitere und Leichte so besonders schwer herzustellen ist. Dabei verfügt Richard Glöckner über eine Ausstrahlung wie aus einer anderen Zeit, ohne altmodisch zu wirken. Große Kunst!
- Jury-Statement (ENG)
Performance Music Theatre
Richard Glöckner as Algernon in »My Friend Bunbury«
Eduard-von-Winterstein TheaterPerformers like Richard Glöckner are hard to come by, and not just amongst his own generation! With impeccable style, great charm and consummate confidence, he masters every discipline, from singing and acting to dance. What sets this young tenor apart is that effortless »je ne sais quoi« which makes him particularly well-suited to the genre of light-hearted musical theatre – and which, like all things light-hearted and carefree, is so incredibly difficult to achieve. Yet Richard Glöckner possesses a charisma that seems to come from another era, without ever appearing old-fashioned. Great artistry!
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Mit ihrer Interpretation der Renata in Prokofjews »Der feurige Engel« gelingt Nadine Lehner eine exzeptionelle künstlerische Leistung, die musikalische Exzellenz, darstellerische Radikalität und menschliche Wahrhaftigkeit vereint. Renata gehört zu den anspruchsvollsten Frauenfiguren des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts. Sie glaubhaft zu gestalten, verlangt weit mehr als stimmliche Brillanz: Es erfordert die Fähigkeit, innere Zerrissenheit, spirituelle Ekstase und psychischen Abgrund gleichermaßen erfahrbar zu machen.
Nadine Lehner gelingt dies auf höchstem Niveau. Mit erschütternder Intensität zeichnet sie das Psychogramm einer Frau, die zwischen religiöser Verklärung und zerstörerischer Obsession gefangen ist. Ihre Darstellung entwickelt eine Sogwirkung, die das Publikum nicht mehr loslässt. Dabei beeindruckt nicht nur die darstellerische Konsequenz, sondern ebenso die vokale Meisterschaft. Die fordernde Partie gestaltet Lehner mit großer Ausdrucksvielfalt, Ausdauer und technischer Souveränität. Ihre Stimme bleibt selbst in extremen emotionalen Zuständen tragfähig, differenziert und berührend. Sie macht Renata nicht zur Sensation, sondern zum Menschen.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Music Theatre
Nadine Lehner as Renata in »The Fiery Angel«
Theater BremenWith her portrayal of Renata in Prokofiev’s »The Fiery Angel«, Nadine Lehner delivers an exceptional artistic performance that combines musical excellence, dramatic intensity and human authenticity. Renata is one of the most demanding female roles in 20th-century musical theatre. Portraying her convincingly demands far more than vocal brilliance: it requires the ability to make inner turmoil, spiritual ecstasy and psychological abyss equally palpable.
Nadine Lehner achieves this at the very highest level. With harrowing intensity, she sketches the psychological portrait of a woman caught between religious transfiguration and destructive obsession. Her performance exerts a magnetic pull that grips the audience and never lets go. It is not only the consistency of her acting that impresses, but also her vocal mastery. Lehner renders this demanding role with great expressive range, stamina and technical mastery. Even in states of extreme emotion, her voice remains steady, nuanced and moving. She does not turn Renata into a spectacle, but into a human being.
- Jury-Statement (ENG)
Darsteller:in Theater für Junges Publikum
- Daniela Mohr in »Heimsuchung« | Theater im Marienbad
Jury-Begründung:
Daniela Mohr, seit 1990 am Freiburger Theater im Marienbad, kann mit ihrer Kreativität, Offenheit und Tiefe jede Geschichte zu ihrer eigenen machen. In Tom Schneiders Inszenierung »Heimsuchung« – einem fast zweistündigen Soloabend – ist sie die Mitte. Die Geschichte handelt von einem Grundstück, das von der Eiszeit bis ins 20. Jahrhundert unterschiedliche Menschen beheimatet, die ein Heim suchen und heimgesucht werden.
In einem Werkraum lassen Tom Schneider und Daniela Mohr die Bilder dieses Grundstücks mit Erde, Wasser, Stoffen, Steinen, Baumwurzeln, Bilderrahmen, Loopstation, Recorder und Livekamera geschickt und sinnreich aufleben. Die Darstellerin gibt sich den anspruchsvollen Bühnenvorgängen so hingebungsvoll hin, dass die Zuschauenden mühelos Geschichten nachempfinden können, die sich über hundert Jahre erstrecken. Daniela Mohr macht sich im wahrsten Sinne die Hände schmutzig, bedient eine Loopstation oder Livekamera und lässt nichts davon technisch wirken. Ihr Spiel fühlt sich vielmehr wie ein Sein an. Wie eine Spurensucherin folgt sie jeder Geschichte in ihren dunkelsten Winkeln. Sie berührt und überzeugt.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Theatre for Young Audiences
Daniela Mohr in »Heimsuchung«
Theater im MarienbadDaniela Mohr, who has been with Freiburg’s Theater im Marienbad since 1990, has the creativity, openness and depth to make any story her own. In Tom Schneider’s production »Heimsuchung« – a solo performance lasting almost two hours – she is the focal point. The story revolves around a plot of land that, from the Ice Age right through to the 20th century, has been home to various people who are searching for a home and are haunted by it.
In a workshop space, Tom Schneider and Daniela Mohr skilfully and imaginatively bring the images of this plot to life using earth, water, fabrics, stones, tree roots, picture frames, a loop station, a recorder and a live camera. The actress devotes herself so wholeheartedly to the demanding on-stage proceedings that the audience can effortlessly empathise with stories spanning over a hundred years. Daniela Mohr literally gets her hands dirty, operating a loop station or live camera, yet ensures none of it feels technical. Her performance feels more like a state of being. Like a tracker, she follows every story into its darkest corners. She moves and convinces.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Nergiz (gespielt von Sibel Polat) ist die Sympathiefigur des Stücks »Endland«. Mit viel Wärme erzählt sie von ihrer Familie, mit Zuversicht von der Zukunft. Und dabei steht sie vor einem Waldstück mit einer Mauer, von der sie nicht weiß, was sie dahinter erwartet. Das Stück ist die gestaltete Zukunftsvision eines Landes, in dem alle Aussagen der AfD durchexerziert werden: Nergiz wird da als geflüchtete Person als Invasorin bezeichnet. Sibel Polats kurdische Nergiz flüchtet vor Armut, anhaltender Dürre und politischer Verfolgung aus der Türkei nach Deutschland. Und sie spielt sie offen, unprätentiös und immer glaubwürdig. Ihre Darstellung einer Person, die in der größten Not menschlich bleibt und zu ihren Prinzipien steht, wird ergänzt durch eine lange Sequenz, in der sie echte Zitate von AfD-Politiker:innen spricht. Das ist auf eine Art die schwerste schauspielerische Leistung.
Sibel Polat spricht die Zitate neutral und trotzdem verständlich, liefert sie gewaltfrei ab, ohne in die Reproduktion abzurutschen, die in der Gewalt des Inhalts steckt. Das Stück spielt 2030 – nur knapp fünf Jahre in der Zukunft. So hart das Stück und so unerträglich die erzählte Geschichte sind, so wichtig ist es, sie zu erzählen. Sibel Polat ist dabei Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Mit ihren vier Kolleg:innen eröffnet sie ein Grauen, in dem Jugendliche aktuelle und künftige Gefahren offengelegt bekommen. Und aus dem sie selbst vielleicht ein wenig kämpferischer und menschlicher herausgehen können. Wie Nergiz.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Theatre for Young Audiences
Sibel Polat as Nergiz in »Endland«
Schauburg – Theater für junges Publikum in München
Nergiz (played by Sibel Polat) is the most likeable character in the play »Endland«. She speaks warmly of her family and with optimism about the future. And yet she stands before a stretch of woodland with a wall, not knowing what lies beyond it. The play presents a vision of the future in a country where all the AfD’s rhetoric is put into practice: Nergiz, as a refugee, is labelled an »invader«. Sibel Polat’s Kurdish character, Nergiz, flees from Turkey to Germany to escape poverty, persistent drought and political persecution. And she plays the role openly, unpretentiously and always convincingly. Her portrayal of a person who remains human in the face of the greatest hardship and stands by her principles is complemented by a long sequence in which she recites actual quotes from AfD politicians. In a way, this is the most demanding acting feat of all.Sibel Polat delivers the quotes neutrally yet clearly, presenting them non-violently without succumbing to the violence inherent in the content itself. The play is set in 2030 – just under five years in the future. As harsh as the play is, and as unbearable as the story it tells may be, it is vital that it is told. Sibel Polat is the linchpin of the production. Together with her four colleagues, she ushers in a nightmare in which young people are confronted with present and future dangers. And from which they themselves may emerge a little more resilient and more human. Just like Nergiz.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Die Inszenierung basiert auf einem wichtigen, gut gebauten Text und auf dem Spiel von Trigal Sandberger Cañas. Gemeinsam mit ihrem Spielpartner Marius Petrenz teilt sie sich den Part des Ich-Erzählers. Beide verkörpern zwei Seiten des namenlosen Protagonisten. Der erinnert sich an seine Jugendzeit, an einen ganz speziellen Sommerabend, eine Party, Flaschendrehen, einen ersten Zungenkuss und mehr, was er nicht wollte. Trigal Sandberger Cañas verfügt über eine große Direktheit in ihrem Spiel und in ihrer Sprachbehandlung. Und diese Direktheit zeigt sie hier auch im Zusammenspiel mit ihrem Partner auf der Bühne und mit dem Publikum. Sie agiert mit großer Offenheit, nie hermetisch.
Das Ausdruckspensum von Trigal Sandberger Cañas beim Skizzieren der unterschiedlichen Figuren rund um den Ich-Erzähler erscheint unerschöpflich. Durch ihr Spiel wirken die Situationen so echt und natürlich, dass man sich als Zuschauer:in in die eigene Teenie-Zeit zurückversetzt fühlt, an eigene Erfahrungen anknüpfen kann. Mit großer Sensibilität und Überzeugungskraft werden Unsicherheiten und Peinlichkeiten dargestellt. Dabei agiert sie humorvoll, ohne die Figuren lächerlich zu machen.
- Jury-Statement (ENG)
Performance Theatre for Young Audiences
Trigal Sandberger Cañas in »ich sehe was / was du nicht siehst«
Theater der Stadt AalenThe production is based on a significant, well-crafted script and on Trigal Sandberger Cañas’s performance. Together with her co-star Marius Petrenz, she shares the role of the first-person narrator. Together, they embody two sides of the nameless protagonist. He recalls his youth, a very special summer’s evening, a party, spin the bottle, a first French kiss and more – things he didn’t want. Trigal Sandberger Cañas brings a great directness to her performance and her use of language. And she demonstrates this directness here too, in her interaction with her stage partner and with the audience. She performs with great openness, never coming across as aloof.
Trigal Sandberger Cañas’s range of expression in sketching the various characters surrounding the first-person narrator seems inexhaustible. Through her performance, the situations feel so genuine and natural that, as a member of the audience, you feel transported back to your own teenage years and can relate to your own experiences. She portrays insecurities and awkward moments with great sensitivity and conviction. In doing so, she acts with humour without making the characters look ridiculous.
- Jury-Statement (ENG)
Choreografie
- Ivan Alboresi für »Giselle« | Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen/Ballett TN LOS!
Jury-Begründung:
In seiner Neudeutung des Klassikers entwickeln Ivan Alboresi und sein Ensemble einen eigenständigen Zugang zum Werk. Mit einfachen Mitteln, begrenztem Raum und einer vergleichsweise kleinen Besetzung von 14 Tänzer:innen, erzählt er die vertraute Geschichte in einer fließenden, mutig vom Original abweichenden Bewegungssprache – barfuß und erdig, ohne die romantische Poesie des Werks zu verlieren. Die Handlung wird auf ihren Kern reduziert, Nebenfiguren entfallen, die psychologischen Beziehungen der Hauptfiguren werden neu interpretiert. Vier Solist:innen sind dabei in ein präsentes Ensemble eingebettet, das als »fünfte Hauptrolle« den Abend maßgeblich mitprägt. Das schlichte, wirkungsvolle Bühnen- und Kostümbild unterstützt die Neuästhetisierung des bekannten Stoffes.
In dichter Bildsprache entwickelt Alboresi klar nachvollziehbare Handlungsabläufe, ohne die Vorlage direkt zu zitieren. Die Welten der beiden Akte – heiter und bodenständig sowie nächtlich und düster – sind deutlich voneinander abgegrenzt, ohne in folkloristische oder ätherische Klischees zu verfallen. Ergänzt durch elektronische Klänge fügt sich die Choreografie nahtlos in Adolphe Adams Komposition ein. So entsteht ein fesselndes zeitgenössisches Handlungsballett, das dem Werk eine frische Perspektive verleiht und als geschlossenes Ganzes überzeugt.
- Jury-Statement (ENG)
Choreography
Ivan Alboresi for »Giselle«
Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen/Ballett TN LOS!In their reinterpretation of this classic, Ivan Alboresi and his ensemble develop a unique approach to the work. Using simple means, a limited space and a comparatively small cast of 14 dancers, they tell the familiar story through a fluid movement language that boldly departs from the original – barefoot and earthy, without losing the romantic poetry of the work. The plot is stripped back to its essence; secondary characters are omitted and the psychological relationships between the main characters are reinterpreted. Four soloists are embedded within a prominent ensemble which, as the »fifth leading role«, plays a decisive part in shaping the evening. The simple yet effective set and costume design supports the aesthetic reimagining of the familiar material.
Using dense visual language, Alboresi develops clearly comprehensible plotlines without directly quoting the original. The worlds of the two acts – cheerful and down-to-earth on the one hand, nocturnal and sombre on the other – are clearly distinguished from one another without falling into folkloric or ethereal clichés. Complemented by electronic sounds, the choreography blends seamlessly with Adolphe Adam’s composition. The result is a captivating contemporary narrative ballet that lends the work a fresh perspective and is compelling as a cohesive whole.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Alain Lucien Øyen‘s Choreografie »Underdog« ist eine gelungene Mischung aus Tanz und Theater, aus starken Ensembleszenen und individuellen Momenten. Øyen lotet dabei das Spannungsfeld zwischen Masse und Individuum choreografisch geschickt aus. Es sind starke Bilder von gehetzten Körpern und zwischenmenschlichen Abgründen. Szenen von Ohnmacht, Einsamkeit und Selbstzweifel, aber auch der Sehnsucht nach Geborgenheit und Verbindendem reihen sich aneinander. Sätze wie »In meiner Wohnung stinkt es nach Verzweiflung« oder »Vielleicht könnte ich atmen, wenn es mir nicht so wichtig wäre, dass ihr mich mögt« bleiben im Raum stehen. Es geht auch um Strukturen und die Sehnsucht danach, diese immer wieder aufzubrechen und zu verrücken. Alain Lucien Øyen gestaltet ein starkes Stück Tanztheater, das auf dynamische und kraftvolle Szenen voller Lebensenergie setzt und dabei sehr menschlich bleibt.
- Jury-Statement (ENG)
Choreography
Alan Lucien Øyen for »Underdog«
Staatstheater Mainz/tanzmainz
Alain Lucien Øyen’s choreography »Underdog« is a successful blend of dance and theatre, combining powerful ensemble scenes with moments of individual expression. Øyen skilfully explores the tension between the collective and the individual through his choreography. Powerful images of frantic bodies and interpersonal chasms unfold. Scenes of powerlessness, loneliness and self-doubt, but also of a longing for security and connection, follow one after another. Lines such as »My flat reeks of despair« or »Perhaps I could breathe if it weren’t so important to me that you like me« linger in the air. It is also about structures and the longing to constantly break them down and shift them. Alain Lucien Øyen has created a powerful piece of dance theatre that relies on dynamic and vigorous scenes brimming with vitality, whilst remaining deeply human.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Andrea Peñas choreografisches Werk »Let's talk about Trance« lädt zu einer kompromisslosen Reise durch Energie und Körperlichkeit ein. Das Stück zeichnet sich durch seine Auseinandersetzung mit dem Körper als Ort der Intensität, Ausdauer und Transformation aus.
Bemerkenswert ist das Nebeneinander von Zärtlichkeit und physischer, bewusst widerständiger Ungeschliffenheit. Die Körper der Darsteller:innen verkörpern Noten einer anspruchsvollen Partitur, die ein dynamisches Wechselspiel zwischen Struktur und Vitalität schafft. Die Choreografie rückt Anstrengung als Ausdruckskraft in den Vordergrund und lässt körperliche Arbeit sichtbar werden, ohne ihre poetischen Dimensionen zu schmälern. Die Bewegung wächst aus mechanischer Wiederholung in fließende, sich windende und zuckende Variationen hinein. Dieser allmähliche Übergang vom kollektiven Puls zur individuellen Geste macht die titelgebende Trance körperlich erfahrbar.
- Jury-Statement (ENG)
Choreography
Andrea Peña for »Let’s talk about Trance«
Staatstheater Kassel/TANZ_KasselAndrea Peña’s choreographic work »Let’s talk about Trance« invites the audience on an uncompromising journey through energy and physicality. The piece is characterised by its exploration of the body as a place of intensity, endurance and transformation.
Particularly striking is the juxtaposition of tenderness and a physical, deliberately defiant roughness. The performers’ bodies embody the notes of a demanding score, creating a dynamic interplay between structure and vitality. The choreography brings effort to the fore as a form of expression and makes physical labour visible without detracting from its poetic dimensions. The movement evolves from mechanical repetition into flowing, undulating and twitching variations. This gradual transition from a collective pulse to individual gestures makes the trance referred to in the title physically tangible.
- Jury-Statement (ENG)
Regie Schauspiel
- Jan-Christoph Gockel für »Wallenstein« | Münchner Kammerspiele
Jury-Begründung:
Jan-Christoph Gockels »Wallenstein« ist sinnliches, politisches und relevantes Theater, das aus dem Vollen schöpft. Die Inszenierung zerlegt das kriegerische Gruselkabinett, das täglich in der Wirklichkeit stattfindet, mit allen Mitteln, die das Theater zur Verfügung hat, in seine Einzelteile und legt es damit offen. Schillers »Wallenstein« wird hier mit der Geschichte um den Chef der Wagner-Truppe Prigoschin zusammenerzählt. »Putins Koch« und die Küche, auf der live und duftend gekocht wird, verbinden sich gedanklich und sinnlich miteinander. Überhaupt ist alles an dieser Inszenierung überbordend und zwingend verdichtet. So wirkt das fast siebenstündige Spiel mal erschreckend, mal urkomisch, oft beides gleichzeitig ist. Ein beeindruckendes, sich verausgabendes und spielwütiges Ensemble bringt die Schiller’schen Verse und politischen Befunde selbstverständlich nah ans Hier und Jetzt. Eine große Schauspiel-Inszenierung mit Puppenspiel, Medien, Live-Video, die aufs Eindringlichste die Relevanz des Mottos der Münchner Kammerspiele veranschaulicht: »Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen.«
- Jury-Statement (ENG)
Direction Drama
Jan-Christoph Gockel for »Wallenstein«
Münchner KammerspieleJan-Christoph Gockel’s »Wallenstein« is sensual, political and relevant theatre that draws on a wealth of resources. The production dismantles the war-torn chamber of horrors that unfolds daily in reality, using every means at the theatre’s disposal to break it down into its constituent parts and thereby lay it bare. Schiller’s »Wallenstein« is interwoven here with the story of Prigoschin, the head of the Wagner troupe. »Putin’s chef« and the kitchen, where food is cooked live and the aromas fill the air, are linked both conceptually and sensually. Indeed, everything about this production is exuberant and compellingly condensed. As a result, the nearly seven-hour play is at times terrifying, at times hilarious, and often both at once. An impressive, tireless and wildly enthusiastic ensemble naturally brings Schiller’s verses and political observations close to the here and now. A major theatrical production featuring puppetry, media and live video, which illustrates in the most compelling way the relevance of the Münchner Kammerspiele’s motto: »Don’t leave reality in peace.«
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Eingezwängt in einer engen, froschgrünen Küche stehen Eugen Hinkemann und seine Frau Grete. So krumm und schief wie der Raum ist da auch schon ihre Beziehung, sind ihre Seelen. Eugen, kriegsversehrt, »entmannt«, im Hader mit dem Männerbild der Zeit, und Grete, die nicht weiß, wie sie ihm begegnen soll. Anne Lenk lässt ihre Spielenden hoch einsteigen, direkt im Ton, ohne Umschweife auf den Punkt kommend: Was ist der Mensch? In der schrägen Mini-Küche sind die Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar, rücken ganz nah an das Publikum heran. Stark, kein Ton verrutscht.
Dann bricht der Raum auf: Anne Lenk lässt mit wenigen Mitteln einen Assoziationsraum entstehen, der deutlich über ein zeitgebundenes Sozialdrama hinausweist. Zu Fratzen verzerrte Gesichter in Videoprojektionen, Text-Collagen, eine tanzende Gruppe mit Kinderschwellköpfen – ein Gruselkabinett gewaltvoller Männlichkeit.
Die Regisseurin ist souverän in ihrer inszenatorischen Sprache. Ihre Ästhetik hat eine unverwechselbare Stilistik. Und gerade daraus gewinnt sie die Freiheit, etwas zu riskieren, auszuprobieren und sich dem tragischen Ende zu entziehen. Selbstbewusst setzt sie Tollers Stück Hoffnung und einen Ausweg entgegen.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Drama
Anne Lenk in »Hinkemann«
Deutsches Theater BerlinEugen Hinkemann and his wife Grete stand crammed into a cramped, frog-green kitchen. Their relationship – and their souls – are just as crooked and lopsided as the room itself. Eugen, a war invalid, »castrated«, at odds with the contemporary image of masculinity; and Grete, who doesn’t know how to relate to him. Anne Lenk lets her actors hit the ground running, striking the right tone straight away and getting straight to the point: what is a human being? In the quirky mini-kitchen, the characters are visible as if under a magnifying glass, moving very close to the audience. Powerful – not a single note is out of place.
Then the space opens up: with minimal means, Anne Lenk creates a space for association that clearly points beyond a time-bound social drama. Faces distorted into grimaces in video projections, text collages, a dancing group with children’s swollen heads – a chamber of horrors of violent masculinity.
The director is masterful in her staging language. Her aesthetic has an unmistakable style. And it is precisely from this that she gains the freedom to take risks, to experiment and to evade the tragic ending. She self-assuredly counters Toller’s play with hope and a way out.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Luise Voigt gelingt mit »Das Buch der Unruhe« am Düsseldorfer Schauspielhaus ein Kunststück: Aus Fernando Pessoas schwer greifbarer Sammlung von Gedankensplittern, Melancholien und Weltzweifeln formt sie keinen Literaturabend, sondern einen rauschhaften Theaterparcours. Mit Mut zur Radikalität und einem Höchstmaß an Fantasie übersetzt die Regisseurin die Vorlage in grandiose Bilder, Klangräume und Szenen, die zwischen Poesie, Komik, Schmerz und Gegenwartsdiagnose nur so funkeln.
Und der Abend vertraut dem Publikum: Nichts wird erklärt, nichts vorgekaut, alles bleibt offen für Deutungen. Auch darin liegt seine Kraft. Luise Voigt zeigt eine Welt in Schieflage, erschüttert von Mittelmaß, Krisen und Hybris, und lässt zugleich die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten, offenen Leben aufscheinen. Getragen von einem starken Ensemble entsteht ein wildes, kluges, sinnliches Theaterereignis, das irritiert, bezaubert und lange nachwirkt. Diese Inszenierung beweist, wie lebendig, riskant und notwendig Theater sein kann.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Drama
Luise Voigt for »Das Buch der Unruhe«
Düsseldorfer SchauspielhausWith »Das Buch der Unruhe« at the Düsseldorf Schauspielhaus, Luise Voigt pulls off a remarkable feat: from Fernando Pessoa’s elusive collection of fragments of thought, melancholy and existential doubt, she crafts not a literary evening, but an intoxicating theatrical journey. With a bold commitment to radicalism and boundless imagination, the director translates the source material into magnificent images, soundscapes and scenes that sparkle with poetry, humour, pain and a diagnosis of the present day.
And the production places its trust in the audience: nothing is explained, nothing is spoon-fed; everything remains open to interpretation. This, too, is where its power lies. Luise Voigt depicts a world in turmoil, shaken by mediocrity, crises and hubris, whilst at the same time allowing the longing for a self-determined, open life to shine through. Carried by a strong ensemble, the result is a wild, clever, sensual theatrical experience that unsettles, enchants and lingers long in the memory. This production proves just how vibrant, daring and necessary theatre can be.
- Jury-Statement (ENG)
Regie Musiktheater
- Frank Hilbrich für »Rummelplatz« | Die Theater Chemnitz
Jury-Begründung:
Frank Hilbrich gelingt es in seiner Uraufführungs-Inszenierung von Ludger Vollmers »Rummelplatz«, die auf dem gleichnamigen Roman von Werner Bräunig basiert, dem Publikum ein zentrales Werk deutscher Nachkriegsliteratur zugänglich zu machen, ohne die Komplexität von Handlung und Musik zu vernachlässigen.
Hilbrichs Regiemittel stehen ganz im Dienst von Bräunigs Vorlage und Jenny Erpenbecks Libretto, ohne konventionell zu erscheinen. Maximale Verlangsamung und präzise Personenführung ermöglichen es dem Publikum, dem Werk zu folgen, ohne sich darin zu verlieren. Ein Höhepunkt der deutschsprachigen Theatersaison 2024/25 und der Kulturhauptstadt Chemnitz, dessen Erfolg nicht zuletzt der klugen Regie Frank Hilbrichs zu verdanken ist.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Music Theatre
Frank Hilbrich for »Rummelplatz«
Die Theater Chemnitz
In his world premiere production of Ludger Vollmer’s »Rummelplatz«, based on the novel of the same name by Werner Bräunig, Frank Hilbrich succeeds in making a key work of post-war German literature accessible to the audience without neglecting the complexity of the plot and the music.Hilbrich’s directorial choices are entirely at the service of Bräunig’s original text and Jenny Erpenbeck’s libretto, without ever appearing conventional. A deliberately slow pace and precise direction of the characters enable the audience to follow the work without becoming lost in it. A highlight of the 2024/25 German-language theatre season and of Chemnitz’s year as European Capital of Culture, the success of which is due in no small part to Frank Hilbrich’s astute direction.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Mit viel Ironie, Fantasie und Sinn für intelligente Unterhaltung geht Anna Weber in ihrer Inszenierung von »Die Reise nach Reims« eine der wirklich schwierig zu inszenierenden Opern des Repertoires an. Die eigentlich stagnierende Handlung wird mit einer kraftvollen Konzeption herausgefordert und durch eine starke Setzung in einen großen Spannungsbogen überführt. In der Wirkung überschattet der extensive Einsatz von Videotechnik die Spielfreude der Charaktere nicht. Die wunderbar überzeichneten Figuren sind hervorragend geführt und glänzen in jedem Moment mit erfülltem Spiel. Der Chor agiert überaus engagiert. In dieser Aufführung kommen viele Aspekte einer eigenständigen Regiestimme zum Tragen.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Music Theatre
Anna Weber for »Die Reise nach Reims«
Theater BremenWith plenty of irony, imagination and a flair for intelligent entertainment, Anna Weber tackles one of the repertoire’s most challenging operas in her production of »Die Reise nach Reims«. The plot, which is by nature rather stagnant, is challenged by a powerful conceptual approach and, through a strong staging, transformed into a narrative arc full of suspense. The extensive use of video technology does not overshadow the characters’ enthusiasm for their roles. The wonderfully exaggerated characters are superbly directed and shine at every moment with a rich, full performance. The chorus performs with great commitment. This production brings to the fore many aspects of a distinctive directorial voice.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Matthew Wild gelingt mit seiner Inszenierung eine kluge Lesart des Werkes mit meisterhafter Figurenführung. Besonders originell ist die Verschränkung von Werk und Biografie. Indem Wild Bezüge zu Benjamin Britten und dessen Lebensrealität als homosexueller Außenseiter seiner Zeit in die Inszenierung integriert, erweitert er den Blick auf die Oper um eine zusätzliche Ebene, die sowohl heutige gesellschaftliche Relevanz beweist als auch im Werk selbst verwurzelt ist. Die Geschichte wird so zu einer Reflexion über gesellschaftliche Normen, über den Umgang mit Anderssein und über die zerstörerische Kraft von Vorurteilen. Dabei vermeidet die Inszenierung jede plakative Festlegung und eröffnet stattdessen einen Raum für unterschiedliche Lesarten. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach den Mechanismen gesellschaftlicher Zuschreibung und Ausgrenzung.
Wild erzählt »Peter Grimes« nicht allein als Geschichte eines Außenseiters, sondern als Untersuchung darüber, wie Verdacht, Gerücht und kollektive Gewissheit entstehen. Mit feiner Klinge zeigt Wild eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Wahrheiten hervorbringt und diese zunehmend gegen den Einzelnen richtet. Der Chor wird dabei zum eigentlichen Motor des Geschehens. Gerade in dieser Verbindung von musikalischer Präzision, intelligenter Werkanalyse und großer emotionaler Wirkung entfaltet die Inszenierung ihre besondere Kraft.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Music Theatre
Matthew Wild for »Peter Grimes«
Theater BielefeldWith his production, Matthew Wild offers an insightful interpretation of the work, characterised by masterful characterisation. The interweaving of the opera and the composer’s biography is particularly original. By integrating references to Benjamin Britten and his lived experience as a homosexual outsider of his time into the production, Wild broadens the perspective on the opera to include an additional layer that is both socially relevant today and rooted in the work itself. The story thus becomes a reflection on social norms, on how we deal with otherness, and on the destructive power of prejudice. In doing so, the production avoids any simplistic categorisation and instead opens up space for different interpretations. At its heart lies the question of the mechanisms of social attribution and exclusion.
Wild tells the story of »Peter Grimes« not merely as the tale of an outsider, but as an exploration of how suspicion, rumour and collective certainty arise. With subtle precision, Wild portrays a community that creates its own truths and increasingly turns them against the individual. The chorus becomes the driving force behind the action. It is precisely in this combination of musical precision, intelligent analysis of the work and great emotional impact that the production unfolds its particular power.
- Jury-Statement (ENG)
Regie Theater für Junges Publikum
- Hanna Bylka-Kanecka für »MOPPS« | Staatstheater Mainz
Jury-Begründung:
Hanna Bylka-Kanecka ist Choreografin, Performerin und Kuratorin. Sie selbst sagt von sich, dass sie ihre größte künstlerische Inspiration aus der körperlichen Beobachtung der verschiedenen Aspekte ihrer eigenen Mutterschaft schöpfe. Am Staatstheater Mainz hat sie mit vier Tänzer:innen ein wundervolles, interaktives Tanzstück für ein Publikum ab drei Jahren erschaffen. »MOPPS« ist eine Tanzperformance rund um das Putzen. Nicht nur sind die Bühnenelemente ausschließlich aus Putzmaterialien, auch ist das gesamte Bewegungsrepertoire assoziativ aus verschiedenen Putzvorgängen erfunden. Da wird gewischt, gefegt, geschrubbt, gerieben – nicht realistisch, vielmehr als Basis für die Choreografie. Aus den vorhandenen Wischmopps und Lappen enstehen die Füße eines Pinguins oder die Federn eines Vogels.
Das Publikum befindet sich mit den Tänzer:innen in einem Raum auf dem Boden. Während der gesamten Performance ist das Publikum immer wieder in Bewegung, bis es gegen Ende in einem geführten Parcours selbst zum Tanzen, Hüpfen und Springen animiert wird. Am Schluss wird von allen gemeinsam alles wieder spielerisch aufgeräumt. Hier ist eine Choreografin am Werk, die ihr Publikum kennt, und die mit ihrem Ensemble experimentiert, was mit dem Publikum gemeinsam geht. Dabei bietet sie ihren Tänzer:innen einen sicheren Boden und nimmt den Tanz ernst. So entsteht Vorstellung, die für alle ab drei Jahren ist und, in der alle auf ihre Kosten kommen.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Theatre for Young Audiences
Hanna Bylka-Kanecka for »MOPPS«
Staatstheater MainzHanna Bylka-Kanecka is a choreographer, performer and curator. She says that she draws her greatest artistic inspiration from physically observing the various aspects of her own motherhood. At the Mainz State Theatre, she has created a wonderful, interactive dance piece with four dancers for an audience aged three and above. »MOPPS« is a dance performance centred on cleaning. Not only are the stage elements made exclusively from cleaning materials, but the entire repertoire of movements is also inventively derived from various cleaning processes. There is mopping, sweeping, scrubbing and rubbing – not in a realistic sense, but rather as the basis for the choreography. The mops and rags on hand are transformed into the feet of a penguin or the feathers of a bird.
The audience sits on the floor in the same space as the dancers. Throughout the performance, the audience is constantly on the move, until, towards the end, they are encouraged to dance, hop and jump themselves as part of a guided obstacle course. At the end, everyone tidies everything up together in a playful manner. Here is a choreographer at work who knows her audience and who experiments with her ensemble to see what they can achieve together with the audience. In doing so, she provides her dancers with a safe space and takes dance seriously. The result is a performance suitable for everyone aged three and over, in which everyone gets their money’s worth.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Das Stück »FIESTA« (von Gwendoline Soublin) in der Regie von Catharina Fillers ist nah an der Lebensrealität von Kindern ab neun Jahren inszeniert. Es geht im Stück um den zehnten Geburtstag von Nonno, der in die Weltgeschichte eingehen soll. Wäre da nicht der Sturm Maria-Theresia, der alle in Atem hält. Wenn Erwachsene Kinder spielen, kann es schnell zu einem Nachmachen werden. Ganz anders ist das hier. Die Erwachsenen bleiben Erwachsene, nehmen aber die Äußerungen und Dialoge der kindlichen Rollen ernst, sodass sie zu passenden Aussagen werden. Etwa die, dass der eigene Geburtstag ein Fest sein muss, oder dass es weh tut, wenn man einen wichtigen Menschen verliert.
Der Bühnenraum ermöglicht es den Kindern, nah an den Spielenden zu sein. Dabei werden Theatermittel kreativ eingesetzt, um komplexe Geschichtsdetails darzustellen. Das echtzeit-theater schafft seit 2011 künstlerische Erlebnisse, die Raum für Imagination und Interpretation öffnen. Mit Catharina Fillers hat das Theater dafür die ideale Regisseurin gefunden.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Theatre for Young Audiences
Catharina Fillers for »FIESTA«
echtzeit-theaterThe play »FIESTA« (by Gwendoline Soublin), directed by Catharina Fillers, is staged in a way that closely reflects the everyday lives of children aged nine and over. The play centres on Nonno’s tenth birthday, which is set to go down in history. Were it not for Storm Maria-Theresia, which has everyone on tenterhooks. When adults play children, it can quickly turn into mere imitation. Here, it is quite different. The adults remain adults, but take the remarks and dialogues of the child characters seriously, so that they become meaningful statements. Such as the idea that one’s own birthday must be a celebration, or that it hurts when you lose someone important.
The stage space allows the children to be close to the performers. Theatrical techniques are used creatively to portray complex historical details. Since 2011, echtzeit-theater has been creating artistic experiences that open up space for imagination and interpretation. In Catharina Fillers, the theatre has found the ideal director for this.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Angelehnt an Peter Handkes »Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten« ist die Leipziger Inszenierung »Wimmelstadt« von Sandra Strunz eine Arbeit, die fast ohne Sprache funktioniert und dabei die Alltagsbegegnungen unterschiedlichster Menschengruppen darstellt. Sie ist reich an Kreativität, Witz und Theatermagie.
Sandra Strunz hat für diese Arbeit genau hingeschaut, hingehorcht und hineingespürt. Ihre Inszenierung ist eine Aufforderung zum bewussten Leben. Es passiert viel auf der Bühne: angefangen von den ersten Tauben des Tages bis hin zu choreografiertem Fußballballett oder Straßenmusiker:innen, die im richtigen Moment genau den richtigen Song singen. Die Schönheit dieser Inszenierung liegt darin, dass es unmöglich ist, alles ausführlich zu sehen. Sie ist unerschöpflich – jeder Blick offenbart etwas Neues. In ihrer Inszenierung »Wimmelstadt« lässt Sandra Strunz in poetischen, sehr genau beobachteten Alltagsbildern ihre Liebe zum Theater und zum Menschen wimmeln. Die Regisseurin, zeigt in dieser Arbeit, dass sie ein gutes Gefühl für Raum, Rhythmus und Reibungen auf der Bühne hat. Das macht jede der siebzig Minuten der Inszenierung erlebenswert.
- Jury-Statement (ENG)
Direction Theatre for Young Audiences
Sandra Strunz for »Wimmelstadt«
Theater der Jungen Welt
Inspired by Peter Handke’s »The Hour We Knew Nothing of Each Other«, Sandra Strunz’s Leipzig production »Wimmelstadt« is a piece that functions almost entirely without dialogue, whilst depicting the everyday encounters of a wide variety of people. It is brimming with creativity, wit and the magic of theatre.For this production, Sandra Strunz has looked closely, listened intently and really tuned in. Her production is a call to live consciously. A great deal happens on stage: from the first pigeons of the day to a choreographed football ballet, or street musicians singing exactly the right song at exactly the right moment. The beauty of this production lies in the fact that it is impossible to take in everything in detail. It is inexhaustible – every glance reveals something new. In her production »Wimmelstadt«, Sandra Strunz lets her love of theatre and of people swarm through poetic, meticulously observed images of everyday life. In this work, the director demonstrates that she has a keen sense of space, rhythm and tension on stage. This makes every one of the production’s seventy minutes well worth experiencing.
- Jury-Statement (ENG)
Raum
- Mehmet Akal & Kazim Akal (Bühnenbild & Videoanimation) für »Katzelmacher« | Münchner Kammerspiele
Jury-Begründung:
Mit ihrem Bühnenbild für »Katzelmacher« schaffen Mehmet Akal & Kazim Akal einen kompromisslosen Theaterraum von großer visueller Kraft. An die Stelle realistischer Milieuschilderung tritt eine künstliche Welt zwischen Popästhetik, digitalem Bildraum und gesellschaftlichem Albtraum. Der Raum wird zum zentralen Bedeutungsträger der Inszenierung: Er macht Mechanismen von Ausgrenzung, Angst und Gewalt unmittelbar erfahrbar und überführt Rainer Werner Fassbinders Stoff präzise in eine eigenwillige Kunstwelt. Durch die Verbindung von analogen und digitalen Elementen entstehen eindringliche Bilder, die sich nachhaltig ins Gedächtnis einschreiben. Besonders überzeugend ist die Konsequenz, mit der das Bühnenbild aus sich heraus erzählt. Mehmet Akal & Kazim Akal gelingt eine Arbeit von außergewöhnlicher künstlerischer Autonomie, die den Abend bestimmt. Diese Bühne verbindet zwingend ästhetische Innovation mit gesellschaftlicher Relevanz.
- Jury-Statement (ENG)
Scenic Design
Mehmet Akal & Kazim Akal (set design & video animation) for »Katzelmacher«
Münchner KammerspieleWith their set design for »Katzelmacher«, Mehmet Akal & Kazim Akal create an uncompromising theatrical space of great visual power. Realistic depictions of social settings are replaced by an artificial world that blends pop aesthetics, digital imagery and a social nightmare. The space becomes the central vehicle of meaning in the production: it makes the mechanisms of exclusion, fear and violence immediately tangible and precisely transposes Rainer Werner Fassbinder’s material into an idiosyncratic artistic world. The combination of analogue and digital elements gives rise to haunting images that leave a lasting impression. Particularly compelling is the consistency with which the set design tells its own story. Mehmet Akal & Kazim Akal have created a work of extraordinary artistic autonomy that defines the evening. This production compellingly combines aesthetic innovation with social relevance.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Die Bühne von »Romeo und Julia« in der Regie von Elsa-Sophie Jach besteht aus einem Gerüst aus übereinander geschichteten Stufen. die sich zueinander verdrehen können und für jede Szene neu zu überraschenden räumlichen Situationen anordnen. So wird die eine Seite des langen Steges zur Showtreppe, während auf der anderen eine Wand entsteht, die zu erklimmen einen Kraftaufwand bedeutet. Die Zwischenräume der Stufen werden zu gefährlichen Verstecken, der ganze Bau zu einer Parabel auf das Gefängnis, in dem sich die beiden verfeindeten Familien befinden. Die Spielenden schöpfen körperlich alle Möglichkeiten aus, die ihnen dieser Spielplatz bietet.
Marlene Lockemann schafft in diesem sehr abstrakten Bühnensystem konkret bespielbarer Möglichkeiten, die zu starken Situationen im Stück führen. So gestaltet der Raum jede Szene dynamisch mit und trägt den Abend.
- Jury-Statement (ENG)
Scenic Design
Marlene Lockemann (set design) for »Romeo und Julia«
ResidenztheaterThe set for »Romeo und Julia«, directed by Elsa-Sophie Jach, consists of a framework of tiers of steps stacked one on top of the other. These can twist in relation to one another and are rearranged for each scene to create surprising spatial configurations. Thus, one side of the long platform becomes a grand staircase, whilst on the other a wall emerges that requires considerable effort to scale. The spaces between the steps become dangerous hiding places, and the entire structure serves as a metaphor for the prison in which the two feuding families find themselves. The performers physically exploit every possibility that this »playground« offers them.
Within this highly abstract stage system, Marlene Lockemann creates concrete, performable possibilities that lead to powerful moments in the play. In this way, the space dynamically shapes each scene and underpins the entire performance.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Das Bühnenbild von Ida Müller für »Peer Gynt« sprengt jeden Theaterraum, selbst den der Volksbühne, die sich in den vergangenen 30 Jahren als Meisterin überbordender Szenografien bezeichnen darf. Müllers über Jahrzehnte weiterentwickelte, sehr eigene Bildsprache führt bei dieser Produktion zu einer visionären Synthese: Sie verbindet Zitate aus dem Figurentheater mit radikaler, psychotischer Maskerade. Ihre hochemotionalen, stark grotesken Maskierungen entfremden die Spielenden und verschmelzen sie mit dem Raum zu einer schrillen Comicwelt für Antihelden mit manischen Wahnvorstellungen. So schwer diese Überforderung zu ertragen ist, so genial setzt Müller damit der psychologischen Realität Henrik Ibsens ein wagemutiges, vor Kraft strotzendes Gegengewicht entgegen. Sie erzählt uns eine visuell raumgreifende Fabel über gesellschaftliche Entfremdung und die Verformung des menschlichen Egos. Ihre maximalistische, obsessive Ästhetik greller, chiffrierter Bildwelten und ihr handgemalter verstörender Expressionismus treiben dieses Gesamtkunstwerk auf die Spitze.
- Jury-Statement (ENG)
Scenic Design
Ida Müller (set design) for »Peer Gynt«
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-PlatzIda Müller’s set design for »Peer Gynt« transcends any theatre space, even that of the Volksbühne, which over the past 30 years has established itself as a master of exuberant scenography. Müller’s highly distinctive visual language, honed over decades, culminates in a visionary synthesis in this production: she combines elements of puppet theatre with a radical, psychotic masquerade. Her highly emotional, intensely grotesque masks alienate the performers and merge them with the space to create a garish comic world for anti-heroes with manic delusions. As difficult as this overwhelming experience is to bear, Müller ingeniously sets a daring, powerful counterbalance to Henrik Ibsen’s psychological reality. She tells us a visually expansive fable about social alienation and the distortion of the human ego. Her maximalist, obsessive aesthetic of garish, cryptic imagery and her hand-painted, unsettling expressionism take this total work of art to the extreme.
- Jury-Statement (ENG)
Kostüm
- Andy Besuch für »Penthesilea & Der zerbrochene Krug« | Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar
Jury-Begründung:
Andy Besuch gelingt in »Penthesilea & Der zerbrochene Krug« ein Kostümbild von außergewöhnlicher künstlerischer Freiheit bei gleichzeitiger dramaturgischer Präzision. Seine Entwürfe schaffen einen Bildraum, der die beiden scheinbar gegensätzlichen Werke verbindet und zugleich ihre jeweiligen Welten präzise konturiert. Mit klaren Silhouetten und einer Bildsprache zwischen Mythos, Gegenwart und Zukunft werden die Figuren zu Träger:innen von Macht, Begehren, Gewalt und gesellschaftlichen Rollen. Farbe fungiert dabei nicht als dekoratives Element, sondern als dramaturgisches Instrument, das Zugehörigkeiten, Konflikte und Verschiebungen sichtbar macht.
Besonders beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich die hohe konzeptionelle Setzung der Kostüme mit ihrer unmittelbaren Wirksamkeit auf der Bühne verbindet. Die Kostüme strukturieren den Abend, prägen die Wahrnehmung der Inszenierung nachhaltig und entfalten eine außergewöhnliche Präsenz. Andy Besuch gelingt eine Arbeit von großer Eigenständigkeit, die unverwechselbare Bilder schafft und die künstlerische Aussage des Abends maßgeblich prägt.
- Jury-Statement (ENG)
Costumes
Andy Besuch for »Penthesilea & Der zerbrochene Krug«
Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle WeimarIn »Penthesilea & Der zerbrochene Krug«, Andy Besuch achieves a costume design of extraordinary artistic freedom whilst maintaining dramaturgical precision. His designs create a visual space that connects the two seemingly contrasting works whilst precisely delineating their respective worlds. With clear silhouettes and a visual language that bridges myth, the present and the future, the characters become embodiments of power, desire, violence and social roles. Colour functions not as a decorative element, but as a dramaturgical instrument that renders affiliations, conflicts and shifts visible.
Particularly impressive is the natural ease with which the highly conceptual design of the costumes blends with their immediate impact on stage. The costumes structure the evening, leave a lasting impression on the audience’s perception of the production and exude an extraordinary presence. Andy Besuch has created a work of great originality that produces unmistakable images and significantly shapes the artistic message of the evening.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Die Kostüme von Josa Marx für »Arturo Ui« in der Inszenierung von Christian Weise erzählen mit Humor und Leichtigkeit von der Banalität des Bösen. Wir sehen derbe Typen, echte Gangster und skurrile Figuren in einer düsteren, schmierigen, comichaft überzeichneten Schwarz-Weiß-Welt.
Brechts Gangsterparabel auf den Faschismus zielt darauf ab, dass das Böse gerade dort gedeihen kann, wo es nicht ernst genommen wird. So zeichnen Josa Marx‘ Kostüme einen sympathischen Überbösen im rosa Flauschpulli, der sich im Biene-Maya-Kostüm in eine Diktatorenrede hineinsteigert. Damit sind sie unterhaltsam, erinnern uns aber gleichzeitig an unsere eigene Verführbarkeit. Dabei vergisst er nicht das ganze restliche Gruselkabinett an Nazi-Personal vorzuführen: düster, verführerisch, übertrieben und doch akkurat.
- Jury-Statement (ENG)
Costumes
Josa Marx for »The Resistible Rise of Arturo Ui«
Schauspiel FrankfurtJosa Marx’s costumes for »Arturo Ui«, directed by Christian Weise, explore the banality of evil with humour and lightness. We see rough characters, real gangsters and bizarre figures in a gloomy, sleazy, cartoonishly exaggerated black-and-white world.
Brecht’s gangster parable on fascism highlights how evil can thrive precisely where it is not taken seriously. Josa Marx’s costumes, for instance, depict a likeable, over-the-top villain in a pink fluffy jumper, who, dressed as Maya the Bee, works himself up into a dictatorial speech. This makes them entertaining, yet at the same time reminds us of our own susceptibility to seduction. In doing so, he does not forget to showcase the rest of the gallery of Nazi characters: sinister, seductive, exaggerated and yet accurate.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Das Kostümbild von Carolin Mittler für die Oper »Die Drei Rätsel« in zwei Akten für Kinder und Erwachsene brilliert durch eine besonders präzise Charakterzeichnung. Mittlers radikaler Einsatz von pointierten, figurenzeichnenden Kostümelementen verwandeln das gesamte Ensemble in wahrhaftige Sagenfiguren von unverkennbarer Komik und Schärfe, ganz ohne sie dabei bloßzustellen. Mittler geht noch einen Schritt weiter, indem sie durch schnitttechnische Einschränkungen Einfluss auf die Spielenden nimmt.
Ihrem Kostümbild ist es maßgeblich zu verdanken, dass diese gesellschaftskritische Geschichte über die Deformation einer starren Erwachsenenwelt visuell erlebbar auf der Bühne erzählt wird. Ohne Detailschärfe aufzugeben, gelingt es Mittler, ihre bildstarke Ästhetik auf der Opernbühne mit großem Ensemble und Kinderchor zu zeigen. Ihr barocker, handwerklich perfekter Entwurf erfindet liebevoll ein Gegenmodell zu alltäglicher Monotonie — mit detailreichen, farbenprächtigen und augenzwinkernden Kreationen.
- Jury-Statement (ENG)
Costumes
Carolin Mittler for »Die drei Rätsel«
Deutsche Oper BerlinCarolin Mittler’s costume design for the two-act opera »Die Drei Rätsel«, aimed at both children and adults, shines through its exceptionally precise characterisation. Mittler’s radical use of pointed, character-defining costume elements transforms the entire ensemble into veritable mythical figures of unmistakable humour and sharpness, without ever making them look ridiculous. Mittler goes one step further by influencing the performers through technical constraints in the cut of the costumes.
It is largely thanks to her costume design that this socially critical story about the distortion of a rigid adult world is told in a visually compelling way on stage. Without sacrificing attention to detail, Mittler succeeds in showcasing her visually striking aesthetic on the opera stage with a large ensemble and a children’s choir. Her baroque, technically flawless design lovingly invents a counter-model to everyday monotony — with richly detailed, colourful and tongue-in-cheek creations.
- Jury-Statement (ENG)
Medien
- Mehmet Akal & Kazim Akal (Videoanimation), Enik (Komposition & Sounddesign) für »Katzelmacher« | Münchner Kammerspiele
Jury-Begründung:
Mehmet Akal und Kazim Akals Bildsprache in »Katzelmacher« ist von außergewöhnlicher Eigenständigkeit und Imaginationskraft. Aus den fragmentierten Textstücken von Rainer Werner Fassbinders »Katzelmacher« entwickeln sie einen Strom überraschender, grotesker und präziser Bilder. Zwischen U-Bahn, Plüschtieren, Computerspiel, Horrorvision und Popüberzeichnung entstehen dichte, schrille Bildräume. Während im Text Sätze wiederholt werden, führen die Bilder in ständig neue digitale Welten. Sie verschieben Perspektiven, erzeugen Widersprüche, schaffen Assoziationsräume und setzen einen klaren Gegenpol zur in der Sprache eingeschriebenen Gewalt.
Die technisch virtuose Umsetzung der digitalen Bildräume trägt, besonders in enger Verzahnung mit dem Sounddesign, wesentlich zu dieser Wirkung bei. Bild, Klang und Rhythmus bilden ein intensives Gewebe, das die gesamte Form des Stückes mitbestimmt.
- Jury-Statement (ENG)
Media
Mehmet Akal & Kazim Akal (video animation), Enik (composition & sound design) for »Katzelmacher«
Münchner KammerspieleMehmet Akal and Kazim Akal’s visual language in »Katzelmacher« is characterised by extraordinary originality and imaginative power. From the fragmented text excerpts of Rainer Werner Fassbinder’s »Katzelmacher«, they develop a stream of surprising, grotesque and precise images. Dense, garish visual spaces emerge amidst the underground, soft toys, computer games, horror visions and pop-art exaggerations. Whilst sentences are repeated in the text, the images lead the viewer into ever-changing digital worlds. They shift perspectives, generate contradictions, create spaces for association and provide a clear counterpoint to the violence inscribed in the language.
The technically masterful realisation of the digital visual spaces, particularly in close interplay with the sound design, contributes significantly to this effect. Image, sound and rhythm form an intense tapestry that helps shape the entire form of the piece.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Die postdigitale Tragikomödie »Ich hasse Menschen« begegnet den zentralen existenziellen und sozialen Fragen technologischer Umwälzungen durch Maschinenintelligenz nicht allein kritisch, sondern auch operativ und voller Humor. Das Zusammenspiel des Saugroboters Volker, Kühlschrank Frosti und des Routers Conny mit den Schauspieler:innen und einem automatisierten LLM-Chat funktioniert reibungslos. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht allein Diskursgegenstand, sondern wird in dieser Stückentwicklung auf ihre narrativen Potenziale und Unzulänglichkeiten hin untersucht und effektvoll eingebunden.
Daraus entsteht ein lebendiges Schauspiel, in dem Robotik, Projektion (VR-Welten, KI-Videos, Staubsauger-POV, KI-Kommentar und vorproduziertes Material), Audio-Zuspieler und ein dynamisches Darsteller:innenensemble sehr gegenwärtiges Theater erzeugen, das Risse und Löcher in die glatten, uns umzingelnden KI-Blackboxen schlägt.
- Jury-Statement (ENG)
Media
Nils Corte (direction, video FX), Phil Hagen Jungschlaeger (creative technologist), Lena Rucker (direction) for »Ich hasse Menschen«
Theater Altenburg Gera
A co-production with Yvonne Schäfer and ARGEkultur SalzburgThe post-digital tragicomedy »Ich hasse Menschen« addresses the central existential and social questions raised by technological upheavals driven by machine intelligence not merely critically, but also practically and with a great deal of humour. The interaction between the robot vacuum cleaner Volker, the fridge Frosti and the router Conny with the actors and an automated LLM chat functions seamlessly. Artificial intelligence is not merely a subject of discourse here; rather, in the development of this play, it is examined for its narrative potential and shortcomings and effectively integrated into the performance.
The result is a vibrant performance in which robotics, projection (VR worlds, AI videos, vacuum cleaner POV, AI commentary and pre-produced material), audio playback and a dynamic ensemble of performers create highly contemporary theatre that cracks open and punctures the smooth AI black boxes that surround us.
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
In »Mazeppa« verwandelt Vincent Stefan Opernmusik in eine starke, eigenständige Bildwelt. Die Videos wirken wie Kino auf der Bühne: Ästhetisch und packend wird eine faszinierende eigene Superheldenwelt kreiert. Die starke Bildkompositionen und eine Vielzahl perfekt eingesetzter filmischer Mittel setzen emotionale Nuancen und öffnen den Blick für innere Konflikte der Figuren.
Der Film schafft es, immer wieder zu überraschen und dennoch im Narrativ zu bleiben. Es gelingt eine Adaption der Zeit, den Protagonisten auf seinem Werdegang zu begleiten sowie seine Transformation mitzuerleben. Film- und Bühnenwelten verschmelzen durch die grandiose fiktionale Performance vor, wie hinter der Kamera und der Filmmontage, alles greift rhythmisch präzise abgestimmt ineinander. So entsteht eine faszinierende Superhelden-Ästhetik von großer Bildkraft und klarer narrativer Spannung mit Tragik sowie Komik.
Sämtliche Bilder lassen die Zuschauer:innen (mit Cape) durch den Abend fliegen.
- Jury-Statement (ENG)
Media
Vincent Stefan (video) for »Mazeppa«
Oper Dortmund
A production in collaboration with Palazzetto Bru Zane
In »Mazeppa«, Vincent Stefan transforms opera music into a powerful, distinct visual world. The videos feel like cinema on stage: a fascinating, unique superhero world is created in an aesthetically striking and gripping manner. The powerful visual compositions and a wealth of perfectly employed cinematic techniques convey emotional nuances and shed light on the characters’ inner conflicts.The film manages to surprise time and again whilst remaining true to the narrative. It succeeds in adapting to the times, accompanying the protagonist on his journey and allowing the audience to witness his transformation. The worlds of film and theatre merge through the magnificent fictional performance both in front of and behind the camera, and the film editing; everything interlocks with rhythmic precision. The result is a fascinating superhero aesthetic of great visual power and clear narrative tension, blending tragedy and comedy.
Every single image allows the audience (complete with capes) to fly through the evening.
- Jury-Statement (ENG)
Genrespringer
- Dominik Breinlinger, Julian Kämper, Felix Kruis (3D-Soundtheater), Benno Heisel (Musikalische Leitung, Komposition), Katharina Mayrhofer (Regie) für »Just Listen« | Bayerische Staatsoper & Schauburg - Theater für junges Publikum in München
Jury-Begründung:
Die Welt durch die Ohren einer anderen Person wahrnehmen: Das Musiktheater »Just Listen« eröffnet uns den Kosmos einer besonderen Schule aus verschiedenen Perspektiven: Sänger:innen und Spieler:innen tragen winzige binaurale Mikrofone und das Publikum, das verteilt im »Just Listen«-Bühnenbild in einer Turnhalle Platz findet, hört dank ebensolcher Kopfhörer die Welt aus der Perspektive einer Person. In der Regie von Katharina Mayrhofer haben Julian Kämper, Felix Kruis und Dominik Breinlinger ein dramaturgisch gedachtes technisch-künstlerisch stimmiges Konzept für ein besonderes 3D-Soundtheater entwickelt: Das Publikum nimmt auf sinnliche Art und Weise die Welt anders wahr und taucht ein in eine vielschichtige Erzählung aus Gerüchten und sozialen Dynamiken. Die Welt aus anderer Perspektive erleben zu können, macht sie in »Just Listen« zu einer veränderbaren.
- Jury-Statement (ENG)
Crossover
Dominik Breinlinger, Julian Kämper, Felix Kruis (3D sound theatre), Benno Heisel (musical direction, composition), Katharina Mayrhofer (director) for »Just Listen«
Bayerische Staatsoper & Schauburg - Theater für junges Publikum in München
Perceiving the world through another person’s ears: the musical theatre production »Just Listen« opens up the world of a special school to us from various perspectives: singers and performers wear tiny binaural microphones, and the audience, seated throughout the »Just Listen« stage set in a sports hall, hears the world from one person’s perspective thanks to similar headphones. Directed by Katharina Mayrhofer, Julian Kämper, Felix Kruis and Dominik Breinlinger have developed a dramaturgically conceived, technically and artistically coherent concept for a unique 3D sound theatre experience: the audience perceives the world differently in a sensory way and is immersed in a multi-layered narrative of rumours and social dynamics. In »Just Listen«, the ability to experience the world from a different perspective transforms it into something malleable.
- Jury-Statement (ENG)
- 2
Jury-Begründung:
Mit »Dinge I über I Leben« schafft Ayşe Güvendiren eine Verbindung zwischen Theater, Museum, dokumentarischer Recherche und performativer Erinnerungskultur. Die Bühne wird dabei zu einem begehbaren Museum, einem Ort der Erinnerung und einer theatralen Begegnungsstätte. Inspiriert vom Leben der Solinger Friedensbotschafterin Mevlüde Genç entwickelt Güvendiren eine Theaterform, in der Objekte, Geschichten, Musik und die Präsenz der Darstellenden miteinander verbunden sind.
Die Schauspieler:innen werden zu Museumswärter:innen, Vermittler:innen und Zeug:innen. Im Zusammenspiel von dokumentierten Quellen, künstlerischer Vorstellungskraft und kollektiver Erinnerung entsteht ein Raum, der historische Aufarbeitung, gesellschaftspolitische Reflexion und sinnliche Theatererfahrung miteinander vereint.
»Dinge I über I Leben« eröffnet neue Wege des Erinnerns und Erzählens. Die Produktion macht sichtbar, wie Theater über seine Formen hinausgreifen kann, ohne seine Unmittelbarkeit zu verlieren. Gerade in dieser innovativen Verbindung unterschiedlicher künstlerischer Sprachen ist diese Inszenierung ein Genrespringer!
- Jury-Statement (ENG)
Crossover
Ayşe Güvendiren for »Dinge I über I Leben«
Nationaltheater Mannheim
With »Dinge I über I Leben«, Ayşe Güvendiren forges a link between theatre, the museum, documentary research and a performative culture of remembrance. The stage is transformed into a walk-in museum, a place of remembrance and a theatrical meeting place. Inspired by the life of Mevlüde Genç, the peace ambassador from Solingen, Güvendiren develops a form of theatre in which objects, stories, music and the presence of the performers are interwoven.The actors become museum curators, mediators and witnesses. Through the interplay of documented sources, artistic imagination and collective memory, a space emerges that unites historical reappraisal, socio-political reflection and a sensory theatrical experience.
»Dinge I über I Leben« opens up new ways of remembering and storytelling. The production demonstrates how theatre can transcend its conventional forms without losing its immediacy. It is precisely through this innovative fusion of different artistic languages that this production breaks the mould!
- Jury-Statement (ENG)
- 3
Jury-Begründung:
Mit »Staub« erschafft das O-Team einen eindringlichen theatralen Ausnahmezustand. In einer vor den Augen des Publikums zerfallenden Wohnung lösen sich Tapeten von den Wänden, Gegenstände werden zu Spielpartner:innen. Aus Schutt, Staub und Alltagsobjekten entwickeln die Performer:innen in einem wortlosen, hochpräzisen Zusammenspiel aus Körper, Material und Klang eine poetische Choreografie des Zerfalls.
Die Produktion verbindet – ohne Worte – Objekt- und Figurentheater, Performance, Sound, Bildende Kunst und Installation zu einer eigenständigen Form, die sich jeder eindeutigen Zuordnung entzieht. Materialien werden zu Akteur:innen, der Bühnenraum zu einer lebendigen Skulptur und der Sound zu einer körperlich erfahrbaren Kraft. So entsteht ein dichter, sinnlich erfahrbarer Theaterraum, der die Zuschauer:innen unmittelbar in das Geschehen hineinzieht.
Gerade in dieser konsequenten Überschreitung von Genregrenzen verkörpert »Staub« die Kategorie »Genrespringer« in exemplarischer Weise.
- Jury-Statement (ENG)
Crossover
O-Team for »Staub«
A production by O-Team in collaboration with Theater Rampe
With »Staub«, O-Team creates a haunting, theatrical state of emergency. In a flat that is crumbling before the audience’s eyes, wallpaper peels away from the walls and objects become performance partners. Using rubble, dust and everyday objects, the performers develop a poetic choreography of decay through a wordless, highly precise interplay of body, material and sound.Without words, the production combines object and puppet theatre, performance, sound, visual art and installation into a unique form that defies any clear categorisation. Materials become actors, the stage space a living sculpture, and the sound a force that can be physically experienced. The result is a dense, sensually immersive theatrical space that draws the audience directly into the action.
It is precisely through this consistent transcending of genre boundaries that »Staub« exemplifies the »crossover« category.
- Jury-Statement (ENG)