Intimitätskoordinator:in

Intimitätskoordinator:in

Intimitätskoordinator:innen begleiten an Theatern die Entwicklung und Umsetzung von Szenen mit körperlicher Nähe, Intimität, Nacktheit oder sexualisierter Gewalt. Sie sorgen dafür, dass die Beteiligten ihre Grenzen benennen können und dass die Inszenierung auf klaren Absprachen und Zustimmung basiert. Dabei arbeiten sie eng mit Regie, Darsteller:innen, Produktionsleitung und weiteren Gewerken zusammen. Intime Szenen werden ähnlich wie Kampf- oder Stuntszenen choreografiert und dokumentiert, damit sie reproduzierbar und sicher umgesetzt werden können. In Theaterproduktionen wird international häufig auch die Bezeichnung Intimacy Director verwendet; im deutschsprachigen Raum hat sich zunehmend die Berufsbezeichnung Intimitätskoordinator:in etabliert.

Zu Besuch bei Intimitätskoordinatorin Hanna Werth

Wie sieht der Alltag von Intimitätskoordinator:innen aus?

Der Arbeitsalltag beginnt häufig bereits in der Vorbereitungsphase einer Produktion. Intimitätskoordinator:innen analysieren Drehbücher oder Inszenierungskonzepte und identifizieren Szenen, die körperliche Nähe, Küsse, Nacktheit, sexuelle Handlungen oder andere sensible Inhalte enthalten. Anschließend beraten sie Regie und Produktion hinsichtlich der geplanten Umsetzung.

Während der Probenarbeit oder der szenischen Einrichtung führen sie Gespräche mit den beteiligten Darsteller:innen, klären Grenzen, Einverständnisse und mögliche Anforderungen der Inszenierung. Auf dieser Grundlage entwickeln sie konkrete Bewegungsabläufe und Choreografien. Ziel ist eine präzise, wiederholbare Darstellung, die sowohl die künstlerischen Anforderungen als auch die persönlichen Grenzen der Beteiligten berücksichtigt.

Bei Proben und Vorstellungen beziehungsweise Dreharbeiten überwachen sie die Einhaltung der vereinbarten Abläufe. Sie fungieren als Ansprechperson für sensible Fragen, moderieren bei Bedarf Gespräche zwischen Regie und Darsteller:innen und dokumentieren getroffene Vereinbarungen. In einigen Produktionen begleiten sie auch Nachbesprechungen nach besonders belastenden oder emotional intensiven Szenen.

An größeren Theatern oder bei umfangreichen Filmproduktionen kann die Tätigkeit projektbezogen erfolgen. Festangestellte Stellen sind im deutschsprachigen Raum bislang selten; viele Intimitätskoordinator:innen arbeiten freiberuflich und verfügen bereits über Berufserfahrung in Schauspiel, Regie, Choreografie, Bewegungstraining oder Theaterpädagogik.

Eine wichtige Stimme in diesem Feld ist Hanna Werth. Sie ist die erste Juniorprofessorin für Szene und Intimitätskoordination in Deutschland und lehrt seit Mai 2024 an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf.

Thomas Leander, Robert Schumann Hochschule

Welche Aufgaben haben Intimitätskoordinator:innen?

  • Analyse von Stücken, Libretti, Drehbüchern und Regiekonzepten hinsichtlich intimer Inhalte
  • Beratung von Regie, Produktionsleitung und künstlerischen Teams
  • Klärung von Grenzen, Zustimmung und Arbeitsbedingungen mit Darsteller:innen
  • Entwicklung und Einstudierung von Choreografien für intime Szenen
  • Planung von Kuss-, Nackt- oder Sexszenen sowie Szenen mit sexualisierter Gewalt
  • Dokumentation von Vereinbarungen und Choreografien
  • Begleitung von Proben, Vorstellungen und Dreharbeiten
  • Vermittlung zwischen Darsteller:innen, Regie und Produktion bei sensiblen Fragestellungen
  • Unterstützung bei der Umsetzung professioneller Standards zum Schutz vor Grenzverletzungen
  • Beratung bei Besetzungsverfahren und Kommunikation sensibler Rollenanforderungen
  • Mitwirkung an Risiko- und Schutzkonzepten für Produktionen mit intimen Inhalten
  • Nachbereitung besonders belastender oder emotional intensiver Szenen
  • Mögliche weiterführende Positionen
  • Leitende:r Intimitätskoordinator:in für größere Produktionen
  • Fachberater:in für Theater- und Filmproduktionen
  • Professor:in für Szene und Intimitätskoordination
  • Dozent:in für Intimitätskoordination
  • Berater:in für Schutz- und Präventionskonzepte im Kulturbereich
  • Kombination mit Tätigkeiten in Regie, Schauspiel, Bewegungstraining oder Theaterpädagogik

Wie wird man Intimitätskoordinator:in

Das sollte man mitbringen:

  • Hohe Kommunikationsfähigkeit
  • Fähigkeit zur neutralen Vermittlung zwischen unterschiedlichen Interessen
  • Ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein
  • Sensibilität im Umgang mit persönlichen Grenzen und vertraulichen Informationen
  • Konfliktlösungskompetenz
  • Belastbarkeit in künstlerischen Produktionsprozessen
  • Kenntnisse von Proben- und Produktionsabläufen im Theater oder Medienbereich
  • Erfahrung im Umgang mit Gruppen und künstlerischen Teams
  • Fähigkeit zur Entwicklung präziser Bewegungsabläufe und Choreografien
  • Kenntnisse zu Zustimmungskonzepten (»Consent«) und professioneller Kommunikation
  • Verständnis für Dramaturgie, Schauspiel und Inszenierungsprozesse
  • Häufig mehrjährige Berufserfahrung in Schauspiel, Regie, Choreografie, Bewegungstraining oder verwandten Bereichen

Ausbildung

Für den Beruf existiert in Deutschland, Österreich und der Schweiz derzeit keine staatlich geregelte Ausbildung und kein geschützter Berufsabschluss. Der Einstieg erfolgt überwiegend über bereits bestehende Berufe in den darstellenden Künsten. Häufig verfügen Intimitätskoordinator:innen über Ausbildungen oder Studiengänge in Schauspiel, Regie, Theaterwissenschaft, Tanz, Choreografie, Theaterpädagogik oder vergleichbaren Fachrichtungen. 

Spezialisierungen erfolgen meist durch internationale Fortbildungsprogramme und Zertifizierungen im Bereich Intimitätskoordination. In der Praxis werden insbesondere umfangreiche Branchenkenntnisse, Erfahrung in professionellen Produktionsabläufen sowie Kenntnisse zu Bewegungsarbeit, Kommunikation und Schutzkonzepten erwartet.

Der Berufseinstieg erfolgt häufig projektbezogen über Theaterproduktionen, Film- und Fernsehproduktionen oder freie Produktionshäuser. Mit zunehmender Erfahrung können Intimitätskoordinator:innen größere Produktionen übernehmen, Schutzkonzepte entwickeln, Schulungen anbieten oder beratende Funktionen in Kulturinstitutionen ausüben. Einheitliche Karriere- und Qualifikationsstufen sind derzeit nicht eindeutig belegt.

Weiterführende Links

Quellen

Das Informationsangebot basiert auf der Broschüre »Berufe am Theater«, herausgegeben vom Deutschen Bühnenverein, aktualisierte und überarbeitete zehnte Auflage 2020/21. Zur Recherche wurde zudem auf das Online-Informationsmaterial von BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit zurückgegriffen. Die redaktionelle Aufarbeitung und Recherche erfolgte mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz.