Jahrestagung

Zur Jahrestagung treffen sich die Mitglieder des Deutschen Bühnenvereins an jährlich wechselnden Häusern. Die Mitglieder, also Intendant:innen und Verwaltungsdirektor:innen der Theater und Orchester in Deutschland sowie Vertreter:innen aus der Kulturpolitik und der Kulturverwaltung beraten gemeinsam über die aktuelle Situation der Bühnen und entwickeln Strategie für die Zukunft. Externe Gäste geben inhaltliche Impulse zu aktuellen Themen.
Die Jahrestagungen sind geprägt von intensivem Austausch, kulturpolitischem Input und Diskurs auf allen Ebenen. Seit einigen Jahren runden thematische Workshops das Angebot der Jahrestagung ab.
Im Rahmen der Jahrestagung fasst die Hauptversammlung alle erforderlichen satzungsgemäßen Beschlüsse. Zur Vorbereitung dieser Versammlung beraten sich die Gruppen, bereiten die Beschlussvorlagen vor und wählen die Mitglieder, die sie in die Gremien des Verbands entsenden.
»Bleiben wir beweglich!«
Transformation – um diesen Begriff drehte sich vieles bei der Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins in Chemnitz. Das Verbandstreffen in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas zeigte, welche Veränderungen Theater und Orchester aktuell bewältigen müssen.
Technisch kühl klinge der Begriff Transformation, fand Carsten Brosda beim Abschied in der Chemnitzer Oper Anfang Juni im Rückblick auf die vergangenen drei Tage. Manche Diskussion und Rede sowie ein Workshop hatten sich bei dieser Jahrestagung um die Transformation der Theater und Orchester gedreht. Und das alles andere als kühl: Hitzig und besorgt, selbstkritisch und entschlossen – die Gemütslage der versammelten Mitglieder spiegelte die ganze Temperaturskala wider.
Viele stehen vor großen Veränderungen an den von ihnen verantworteten Bühnen. Gekürzte oder unsichere Kulturhaushalte, geänderte Tarifverträge und politisch unkalkulierbare Zuständigkeiten sind Gründe, warum die Sorgen an den Häusern häufig existenziell sind. Der wiedergewählte Bühnenvereinspräsident Carsten Brosda brachte es auf eine kämpferische Formel: »Wollen wir uns verändern? Oder wollen wir, dass andere uns verändern?«
Neue Mitglieder im Präsidium
Im Rahmen der diesjährigen Vollwahlen veränderte sich die Zusammensetzung des Präsidiums. Dem höchsten Gremium des Verbands gehören als neue Mitglieder nun auch Eva Lange (Hessisches Landestheater Marburg), Alexandra Stampler-Brown (Deutsche Oper am Rhein), Stefan Dörr (Landestheater Detmold) und Tobias Veit (Schaubühne) an. Nach vier Jahren als Vizepräsident und Co-Vorsitzender der Intendant:innen-Gruppe stellte sich Hasko Weber, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar, nicht noch einmal zur Wahl. Zum Abschied ermutigte er alle Anwesenden zur Teilhabe und zum Mitwirken und verabschiedete sich mit einer schwierigen Frage: »Wer hätten wir gewesen sein wollen, wenn wir auf uns jetzt zurückblicken?«
Chemnitz vertraut auf Veränderungen durch Kultur
Schon zur Begrüßung setzte Gastgeber Christoph Dittrich einen ermutigenden Kontrapunkt gegen Missmut und Verzweiflung. Der Generalintendant der Theater Chemnitz empfing die rund 280 Mitglieder, die in die diesjährige Europäische Kulturhauptstadt gereist waren, mit den Worten: »Es ist wunderbar, eine Stadt mit Kultur in die Zukunft zu führen.« Zehn Jahre hatte er darauf hingearbeitet, und nur wenige hatten damit gerechnet, dass ausgerechnet Chemnitz den Titel als vierte deutsche Stadt überhaupt tragen werde. Der Erfolg gibt dem Konzept recht. Die Kultur sorge für sichtbare Veränderungen in der Stadt und Umgebung, erklärte Barbara Klepsch, Sächsische Ministerin für Kultur und Tourismus, und legte noch einmal emotional nach: »Der Stolz auf diese Stadt kehrt zurück.«
Trotz europaweiter Beachtung und beeindruckender Besucher:innenresonanz sei die Finanzlage auch für die Theater Chemnitz schwierig, räumte Dittrich ein. Auf die Frage von Ulrike Kolter, Chefredakteurin der DEUTSCHEN BÜHNE, die das Podium auf der Opernbühne moderierte, sagte er: »Im laufenden Jahr haben wir 1,5 Millionen Euro weniger, und ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Das ist kein Vorwurf der moralischen Art, sondern ein wirkliches Problem.«
Think Tank Transformation
Im Workshop »Thinktank Transformation« wurden Probleme dieser Art ganz konkret angesprochen. »Bei Transformation geht es nicht darum, ob man sich für sie oder dagegen entscheidet«, sagte einer der Teilnehmer und stellte klar: »Transformation findet immer statt. Es kommt darauf an, wie man sie gestaltet.«
Und genau diese Frage hatte sich eine Gruppe von Mitgliedern des Bühnenvereins in einem Thinktank gestellt, der von Februar bis Mai 2025 in thematischen Arbeitsgruppen Handlungsempfehlungen entwickelt hatte. In Chemnitz ging es nun um diese Ergebnisse und die Einladung an alle, gemeinsam an einer Transformation weiterzuarbeiten, die Disruption an den Bühnen verhindere und zugleich Veränderung in planbaren Zeiträumen aufzeige – für Theaterleitungen ebenso wie für Rechtsträger.
Claudia Schmitz, die in Chemnitz als Geschäftsführende Direktorin wiedergewählt wurde, fasste zusammen: »Gerade jetzt brauchen wir Mut und Haltung und das klare Einstehen für die Freiheit der Kunst. Die Transformation an den Bühnen wollen wir offensiv aus der Mitte des Verbands heraus vorantreiben. Dabei geht es darum, Vertreter:innen der Rechtsträger und Theaterleiter:innen auf Basis ihrer vertrauensvollen Zusammenarbeit miteinander in eine verbindliche Verabredung zu bringen, die es ermöglicht, gemeinsam offen und konstruktiv über die Zukunft nachzudenken. Es braucht einen Pakt als Grundlage der guten Steuerung solcher Prozesse.«
In Chemnitz wurde die Pakt-Idee kontrovers diskutiert. Es handelt sich um eine Vereinbarung zwischen Theatern und Rechtsträgern, für die es bereits einige Vorbilder verschiedener Häuser gibt. Sie kann Zeit verschaffen, in der Wandel von denen gestaltet wird, die sich der Verantwortung für die Kunst und für die Gesellschaft bewusst sind. Spielbetriebssysteme, Tarifverträge, Möglichkeiten von Kooperationen – das Prinzip des Thinktanks lautete: Expert:innen aus der Praxis und ihre direkten Partner:innen in den Kulturverwaltungen und politischen Gremien verhandeln darüber, wie die Zukunft der Häuser gestaltet wird. Nicht nur innerhalb des Verbands will der Deutsche Bühnenverein nun weiter an diesen Ergebnissen arbeiten, auch im Städtetag und der Kultusministerkonferenz wird um Verbündete geworben.
Workshops zu Kunstfreiheit, Compliance, Inklusion und Theaterkritik
Neben Möglichkeiten der Transformation widmeten sich die angereisten Intendant: innen und Verwaltungsdirektor:innen der Theater und Orchester in Deutschland sowie Vertreter:innen aus der Kulturpolitik und der Kulturverwaltung in Workshops den für die Bühnen wichtigen Themen der Kunstfreiheit, Compliance, Inklusion sowie der Rolle der Theaterkritik.
Deutlich spürbar war dabei die Kraft der gemeinsamen Idee, Kunst zu ermöglichen und damit einen wichtigen Beitrag für das gesellschaftliche Miteinander zu leisten. Und trotz der teils großen Schwierigkeiten an den verschiedenen Häusern breitete sich durch das gemeinsame Arbeiten an dieser Idee Optimismus unter den Beteiligten aus. Bleiben wir beweglich, forderte Carsten Brosda zum Abschluss und erklärte: »Wir leben in Zeiten, in denen es oftmals so scheint, als gäbe es keine vernünftigen Alternativen zum Status quo. Diese gefühlte Ausweglosigkeit fordert Theater und Orchester heraus. Gerade in krisenhaften Zeiten brauchen wir die kreative Leidenschaft und den ästhetischen Eigensinn der Künste mehr denn je.«
Impressionen der Jahrestagung
Frühere Jahrestagungen
Die Hauptversammlung ist ein Teil des dreitägigen Mitgliedertreffens.
Bühnen und Orchester Bielefeld (2024) – Theater Koblenz (2023) – Oldenburgisches Staatstheater (2022) – Digital (2021 und 2020) – Nürnberg (2019) – Lübeck (2018) – Dresden (2017) – Kaiserslautern (2016) – Potsdam (2015) – Mannheim (2014) – Kiel (2013) – Ingolstadt (2012)