»In Zeiten der Unsicherheit ist Kultur unser Rettungsanker«

»In Zeiten der Unsicherheit ist Kultur unser Rettungsanker«

Glenn Micallef ist EU-Kommissar für Generationengerechtigkeit, Jugend, Kultur und Sport. Er war maßgeblich an der Veröffentlichung des European Culture Compass der EU-Kommission vor einem Jahr beteiligt. Die strategischen Leitlinien für Kulturpolitik in Europa legen unter anderem einen Fokus auf Kunstfreiheit, Arbeitsbedingungen in der Kultur sowie eine KI-Strategie für die Kulturbranche. Flankiert wird der Compass von der gemeinsamen Erklärung »Europa für Kultur, Kultur für Europa«, die sowohl von der EU-Kommission, als auch vom Europäischen Rat und vom Europäischen Parlament unterzeichnet wurde. Im Interview erklärt der Kommissar, warum die Erklärung so besonders ist und was es mit einem europäischen Theaterpreis auf sich hat.

Herr Micallef, was genau ist der Culture Compass for Europe?

Der Culture Compass sendet eine klare Botschaft an die Fachleute der Kultur- und Kreativbranche: Die Europäische Union steht an Ihrer Seite. Seine 20 Maßnahmen zielen darauf ab, das Potenzial der Kultur zu stärken, Menschen zusammenzubringen, Vielfalt zu feiern, Exzellenz zu fördern sowie die Demokratie zu verteidigen, Resilienz aufzubauen und den sozialen Zusammenhalt und den Frieden zu sichern.

Ebenso wichtig ist, dass der Culture Compass diesen Anspruch in konkretes Handeln übersetzt. Die Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass Kultur den Menschen in ganz Europa spürbare Vorteile bringt. Dazu gehören unter anderem eine eigene KI-Strategie für die Kultur- und Kreativbranche, eine Initiative zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie Maßnahmen zur Stärkung der Kunstfreiheit und der Bedeutung von Kultur für die Demokratie.

Wie fällt Ihre Bilanz nach fast einem Jahr Culture Compass for Europe aus?

Ich bin stolz zu sehen, wie unsere gemeinsame Vision für Kultur in Europa innerhalb von weniger als einem Jahr neuen Schwung in die EU-Kulturpolitik bringt. Ich sage »gemeinsam«, weil wir nie vergessen sollten, dass die Kultur- und Kreativbranche diese Vision mitgestaltet hat. Der Culture Compass spiegelt unseren konstruktiven Dialog wider: Ihre Stimmen, Erfahrungen und Ambitionen ziehen sich durch das gesamte Dokument. 

Bisher einmalig war die gemeinsame Erklärung der Europäischen Kommission, des Europäischen Rats und des Europäischen Parlaments »Europa für Kultur, Kultur für Europa«. Warum haben Sie die Erklärung initiiert?

Mit der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung am 18. Juni durch die Präsident:innen des Europäischen Parlaments, des Rates der Europäischen Union und der Europäischen Kommission wurde ein historischer Meilenstein für die EU-Kulturzusammenarbeit gesetzt.

Die Position der Europäischen Union zu Kultur ist nun klar, und ihre Grundsätze wurden von allen drei Institutionen gemeinsam bekräftigt. Das ist an sich schon eine bemerkenswerte Leistung, auf die ich sehr stolz bin.

Was ist Ihnen dabei am wichtigsten?

Die gemeinsame Erklärung bekräftigt unser Bekenntnis zu Kunstfreiheit, kultureller und sprachlicher Vielfalt, kultureller Teilhabe, fairen Arbeitsbedingungen für Künstler:innen und Kulturschaffende, Schutz des kulturellen Erbes sowie einer verantwortungsvollen Entwicklung von KI im Kulturbereich. Sie setzt damit ein starkes Zeichen für die Bedeutung von Kultur in Europa, Europas Verpflichtung gegenüber der Kultur und legt eine gemeinsame Handlungsrichtung fest.

Ich bin fest davon überzeugt: In Zeiten der Unsicherheit ist Kultur unser Rettungsanker. Die Kultur braucht uns heute ebenso sehr, wie wir sie brauchen. Mit der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung haben wir diese Vision entscheidend gefestigt.

Welche Relevanz hat der Culture Compass für Fachleute der Darstellenden Künste oder der Musik?

Im vergangenen Jahr waren EU-weit 8,9 Millionen Menschen in der Kultur- und Kreativbranche beschäftigt – einschließlich Musik und Darstellender Kunst –, das sind 4,3 Prozent der gesamten Beschäftigung in der EU. In Deutschland sprechen wir von rund 1,8 Millionen Menschen (Eurostat, 2026). Die Arbeitsbedingungen von Künstler:innen müssen Priorität haben.

Der Culture Compass will die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Künstler:innen, Musiker:innen und Kulturschaffende in ganz Europa ihrer Arbeit nachgehen können.

Für das zweite Quartal 2027 plant die Kommission die Vorlage einer EU-Künstlercharta, entwickelt gemeinsam mit Sozialpartnern und der Kultur- und Kreativbranche. Ihr Ziel sind gemeinsame Grundsätze und Leitlinien für faire Arbeitsbedingungen aller Kunst- und Kulturschaffenden.

Im Rahmen des Culture Compass werden wir einen Bericht zur Lage der Kultur in der EU herausgeben. Er soll Bedrohungen der Kunstfreiheit dokumentieren und rechtliche wie administrative Rahmenbedingungen für freie künstlerische Ausdrucksweise und Mobilität stärken.

Darüber hinaus greift der Culture Compass ein weiteres entscheidendes Thema für Künstler:innen und insbesondere Musiker:innen auf: die Notwendigkeit, menschliche Kreativität sowie Europas kulturelle und sprachliche Vielfalt zu schützen. Zu diesem Zweck arbeiten wir an einer KI-Strategie für die Kultur- und Kreativbranche. Wir haben soeben den Call for Evidence dazu abgeschlossen – mit 5.442 Beiträgen, eine beeindruckende Resonanz für eine solche EU-Konsultation. Das Team wird diese Beiträge nun auswerten.

Der Culture Compass sieht einen Europäischen Preis für Darstellende Künste vor. Was versprechen Sie sich davon?

Der Mehrwert muss genuin europäischen Charakter haben, nämlich Künstler:innen sowie Produktionen dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden, unterschiedliche Gruppen der darstellenden Künste zusammenzubringen und aufstrebenden Talenten mehr Sichtbarkeit über ihr Heimatland hinaus zu verschaffen.

Wir entwickeln das Konzept noch, daher möchte ich keine Details bekanntgeben, bevor sie feststehen. Aber so viel sei gesagt:

Wir möchten alle Sparten und Bereiche der Darstellenden Künste einbeziehen, darunter Theater, Zirkus, Tanz, Theater im öffentlichen Raum, Puppenspiel und interdisziplinäre Arbeiten. Der Preis soll aufstrebende Talente, mutige Experimente und gesellschaftliches Engagement fördern und dabei Nachhaltigkeit, Vielfalt sowie insbesondere die Beteiligung junger Publikumsgruppen in den Vordergrund stellen. Das sind allesamt zentrale Dimensionen des kulturellen Handelns der EU. Und nicht zuletzt möchten wir grenzüberschreitende Partnerschaften stärken und Akteur:innen der Darstellenden Künste in ganz Europa miteinander verbinden.

Ein weiteres Thema ist die Zukunft des europäischen Kulturförderprogramms. Werden Musik und Darstellende Künste weiterhin länderübergreifende Projekte realisieren können?

Die Möglichkeit für Künstler:innen und Organisationen, länderübergreifend zu arbeiten, liegt mir sehr am Herzen.

Im Rahmen des Kommissionsvorschlags für den nächsten EU-Haushalt ist das neue Programm AgoraEU vorgesehen. Es ist ein neues Instrument zur Förderung europäischer kultureller und sprachlicher Vielfalt und des Kulturerbes, zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Kultur- und Kreativbranche sowie zur Weiterentwicklung unserer Medien- und audiovisuellen Politik. Wir haben für AgoraEU ein Budget von 8,6 Milliarden Euro vorgeschlagen. Das ist mehr als das Doppelte der Mittel seiner Vorgängerprogramme Kreatives Europa und das Programm Bürgerinnen und Bürger, Gleichstellung, Rechte und Werte zusammen.

Innerhalb von AgoraEU wäre ein eigener »Kreatives Europa – Kulturbereich« vorgesehen, der Sparten wie Musik und Darstellende Künste abdeckt. Bestehende Instrumente wie europäische Kooperationsprojekte, Netzwerke, Plattformen und individuelle Mobilität würden fortgeführt, wobei Raum für gezieltere Fördermaßnahmen bleibt.

Ich möchte jedoch präzise sein: Dies ist noch ein Kommissionsvorschlag. Das endgültige Budget und das Programm müssen mit dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten vereinbart werden.

Kultur sollte zudem nicht auf eine einzige Förderlinie beschränkt bleiben. Alle Bereiche der Kultur- und Kreativbranche sollten – wie heute – von weiteren Programmen profitieren können: dem Europäischen Wettbewerbsfonds, Horizon Europe, Global Europe sowie dem Europäischen Fonds für wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt, für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, für Fischerei und Maritime Angelegenheiten sowie für Wohlstand und Sicherheit, die über die nationalen und regionalen Partnerschaftspläne kanalisiert werden.

Über Glenn Micallef

Glenn Micallef ist EU-Kommissar für Generationengerechtigkeit, Jugend, Kultur und Sport. Davor war er Kabinettschef des maltesischen Premierministers und Generaldirektor im maltesischen Außenministerium und studierte Wirtschaft, Europäisches Recht und Politik an der Universität von Malta.