»Die Frage ist: Sind wir auf Angriffe vorbereitet?«
Vom Cello in der Flugzeugkabine über LED-Leuchten im Theater: Europäische Gesetzgebung beeinflusst den Alltag der Künstler:innen unmittelbar. Pearle*-Live Performance Europe vertritt die Interessen von Arbeitgeberverbänden der Darstellenden Künste auf europäischer Ebene. Wir haben mit Direktorin Anita Debaere über Lobbyerfolge, Sicherheitspolitik und die »Soft Power« Kultur gesprochen.
Im Juli haben die Europäischen Institutionen grünes Licht für umfassendere Fluggastrechte gegeben. Für Künstler:innen heißt das, sie dürfen ihre Musikinstrumente mit in die Kabine nehmen. Pearle* hat viele Jahre dafür gekämpft. Sie sind seit fast 25 Jahren Direktorin dieses Verbands. Welche EU-Gesetzgebung hatte einen ähnlichen Einfluss auf den Alltag von Künstler:innen?
Wenn wir an Musiker:innen denken, dann ist es sicherlich das Reisen mit Musikinstrumenten, die aus Materialien bestehen, die im Washingtoner Artenschutzeinkommen (CITES) geschützt werden. Zum Beispiel Elfenbein oder Dalbergia-Holz. Ganz aktuell haben wir über Holz diskutiert, das ausschließlich in Brasilien wächst und für Bögen von Streichinstrumenten verwendet wird. Es sollte nicht mehr verkauft und nicht mehr transportiert werden dürfen. Was einerseits richtig ist. Das hätte aber einen riesigen Einfluss auf Musiker:innen, die mit ihren Orchestern um die Welt reisen. Sie brauchen also eine Ausnahmeregelung. Nach vielen Verhandlungen und der Zusammenarbeit mehrerer internationaler Organisationen ist es uns gelungen, zu erreichen, dass Orchester und ihre Musiker kein spezielles CITES-Zertifikat benötigen, um ihren Bogen für einen Auftritt im Ausland mitzunehmen (außer bei Reisen nach Brasilien).
Ein Beispiel für erfolgreiches Lobbying.
Auf jeden Fall. Gemeinsam mit vielen anderen haben wir uns dafür stark gemacht. Ein weiteres Beispiel ist die Ausnahmeregelung, die es Theatern erlaubt, bestimmte Nicht-LED-Leuchten wie Halogen- und Wolframlampen weiterhin zu nutzen. Als die EU den Green Deal verabschiedet hat, gab es eine Regelung, wonach aus Gründen der Energieeffizienz künftig nur noch LED-Beleuchtung verwendet werden durfte. Als wir erfuhren, dass alle vorhandenen Leuchten ausgetauscht werden müssten, waren wir schockiert. Natürlich verwenden Theater in ihren Gebäuden in den meisten Fällen bereits LED-Beleuchtung, aber manchmal werden nach wie vor traditionelle Bühnenlichtquellen benötigt. Sie haben ganz besondere Eigenschaften und sind daher wichtige künstlerische Komponenten. Herkömmliche Leuchten haben eine Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren, und wir haben aufgezeigt, dass es Recyclingkonzepte gibt, beispielsweise durch eine Spende an Schulen. Zudem ist der Energieverbrauch dieser Leuchten im Gesamtkontext der von einem Theater genutzten Beleuchtung tatsächlich sehr gering. Die vorläufige Sicherung dieser Ausnahmeregelung war ein großer Erfolg für die Theater.
Überall in Europa erstarken zurzeit rechte Parteien. Wie äußert sich das auf europäischer Ebene?
Den Trend beobachten wir natürlich auch im Europäischen Parlament. Die Tendenz geht immer mehr Richtung rechts bzw. rechtsaußen. Glücklicherweise ist das Europäische Parlament noch recht ausgeglichen und ich würde sagen, dass dort der gesunde Menschenverstand bis jetzt die Oberhand hat.
Was bedeutet dieser Trend für Ihre Arbeit?
Man muss wirklich immer genau schauen, wo ein Politiker oder eine Politikerin herkommt. Wer sagt was und welcher Subtext gehört zu den Aussagen. Wir haben von unseren Kolleginnen und Kollegen in Ungarn gelernt, wie rechte Kräfte operieren und diese Lernkurve ist sehr hilfreich für unsere Mitglieder. Bei Pearle* versuchen wir, Themen wir Kunstfreiheit immer wieder einzubringen und für unsere Mitglieder Solidarität auszustrahlen. Wir sagen: Bei Pearle* seid ihr immer willkommen und wir werden euch so gut unterstützen, wie wir können.
Bei der 71. Pearle*-Konferenz in Helsinki haben sich die Mitglieder des Verbands auch über Strategien und die Bedeutung von Kulturpolitik in Bezug auf Sicherheits- und Verteidigungsstrategien unterhalten. Würden Sie sagen, dass in Zeiten von Krieg und Krisen, die Politik anders auf Kunst und Kultur blicken muss?
Ja. Helsinki war auf jeden Fall besonders, weil man so nah an der russischen Grenze ist. Man erlebt die potenzielle Gefahr nochmal ganz anders. Die Länder, die früher zum russischen Einflussbereich gehörten, haben da ein ganz anderes Bewusstsein. Wir haben uns bisher nicht ausreichend Gedanken gemacht, welchen Einfluss eine dominante Kultur auf lokale Kulturen haben kann. Das rückt nun in den Vordergrund. Dominante Akteure haben Kultur als eine »Soft Power« erkannt und nutzen sie. Deshalb sollten auch wir uns stärker darum bemühen, die Kraft und den Einfluss der Kultur auf das Denken und die Einstellungen der Menschen zu nutzen, um unsere europäischen Werte zu verteidigen.
Und wie wirkt sich Kulturpolitik auf Verteidigungsstrategien aus?
In Bezug auf Verteidigung ist die Diskussion auf jeden Fall sehr unterschiedlich innerhalb unserer Mitgliedschaft und viel präsenter bei den Ländern, die sich eine Grenze mit Russland teilen. Wir müssen uns fragen: Wie sind wir auf Angriffe von zum Beispiel Drohnen oder Cyberattacken vorbereitet? Wie sichern wir die Theater und Konzerthäuser, wie das Publikum?
Gleichzeitig müssen wir auf einer politischen Ebene sicherstellen, dass Kultur geschützt ist, damit meine ich nicht nur Gebäude, sondern auch die Arbeiten, also Literatur, Gedichte, Musik. Estland baut beispielsweise ein digitales Archiv, indem es Aufführungen aufzeichnet, um sein kulturelles Erbe zu sichern.
Wenn man an EU-Politik denkt, kommt einem oft als erstes die stark subventionierte Landwirtschaft in den Sinn. Warum ist es für die Kultur so viel schwerer, flächendeckende Förderungen zu erhalten?
Landwirtschaft war bei der Gründung der EU ein Schlüsselbereich, immerhin ist Ernährung eine Grundvoraussetzung. Es gibt im Moment eine stärkere Verlagerung der Finanzierungen in die Bereiche Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigung. Wir haben uns im Bereich Kultur bisher sehr stark auf das Programm »Creative Europe Programme«, das bald AgoraEU heißen wird, konzentriert. Daneben gibt es in den Mitgliedstaaten viele weitere Fördermöglichkeiten, zum Beispiel für sozialen Zusammenhalt, regionale Entwicklung oder Tourismus. Diese können für Festivals sehr relevant sein.
Und wie gelangen Kulturprojekte an EU-Förderungen?
Wir müssen die künstlerischen Projekte mit größeren politischen Zielen in Verbindung bringen – auch wenn die EU nicht direkt zuständig ist im Bereich Kultur. In vielen Programmen gibt es sozusagen verwandte Aspekte. Das verlangt von uns, dass wir neu denken, wie wir unsere Projekte präsentieren. Besonders erfolgreich machen das schon einige künstlerische Projekte aus Grenzregionen in Europa.
Wie halten Sie die vielen unterschiedlichen Interessen der Mitglieder von Pearle* zusammen?
(lacht) Das ist sehr interessant! Ich persönlich mag es total. Ich habe in den Jahren so viel gelernt über Traditionen und Kulturpolitik in Nord-, Süd-, Ost- und Westeuropa. Auf dem europäischen Level schauen wir immer: Was teilen wir? Auf welche Sachen können wir uns einigen? Und ich muss sagen, bei Pearle* gelingt uns das ziemlich gut. Klar, manchmal haben wir unterschiedliche Lösungsansätze, aber die versuchen wir zu vereinen. Seit der Gründung von Pearle* war das wirklich der Grundsatz: Zusammen sind wir stärker. In meiner täglichen Arbeit bei Pearle* heißt das, dass wir uns sehr viel mit unseren Mitgliedern austauschen, Input einsammeln, Kompromisse suchen. Im Grunde genau das gleiche, was die Politiker:innen auch machen.
Und wenn Sie eine Position gefunden haben, wie sieht dann Ihre politische Arbeit konkret aus?
Wir teilen unsere Position mit der Europäischen Kommission und nehmen an Konsultationen, Treffen mit Interessengruppen und Konferenzen teil. Außerdem vertreten wir unseren Standpunkt im Rahmen des Mitentscheidungsverfahrens gegenüber dem Europäischen Parlament und dem Rat, in dem die Mitgliedstaaten in einem bestimmten Politikbereich vertreten sind. In solchen Momenten sind die Unterstützung und die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern von großer Bedeutung, da diese direkt Kontakt zu ihrem jeweiligen zuständigen Ministerium aufnehmen und Beiträge einbringen können. Ähnlich wie auf nationaler Ebene geht es darum, Informationen bereitzustellen, sich mit politischen Entscheidungsträgern zu treffen und, soweit möglich und relevant, mit anderen europäischen Verbänden zusammenzuarbeiten, die ähnliche Anliegen zu einem bestimmten Thema haben.
Im November wird Pearle* sich zu seiner 72. Konferenz in Hamburg treffen. Was sind Ihre Erwartungen?
Ich freue mich sehr auf Hamburg und darüber, dass wir in der Stadt des Bühnenvereinspräsidenten zu Gast sein dürfen. Wir möchten den Austausch über Kunstfreiheit und den Einfluss von Künstlicher Intelligenz fortsetzen und natürlich den European Culture Compass besprechen, der dann genau ein Jahr vorher veröffentlicht wurde.
Warum ist die Europäische Idee immer noch wichtig und stark?
Das Motto der Europäischen Union lautet: Vereint in Vielfalt. Dahinter stehe ich. Wir haben alle unsere Unterschiedlichkeiten, aber respektieren uns. Wo wären wir, wenn wir alle isoliert voneinander wären? Die Europäische Idee bringt uns gemeinsam weiter und ist deshalb immer noch wichtig und stark.