11.06.2026

Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins:

Auftakt und Dr. Otto Kasten-Preis für Calle Fuhr, Sabine Koller und zwek (Gustav Kleinschmidt)

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Im Berliner Ensemble und im Deutschen Theater treffen sich noch bis Samstag rund 270 Mitglieder des Bühnenvereins. Zum Auftakt hat Jutta Allmendinger, Soziologie-Professorin und Mitglied im Ethik- und Wissenschaftsrat, den Theaterleitungen, Kulturpolitiker:innen und Vertreter:innen der Kulturverwaltungen vor Augen geführt, warum unsere Gesellschaft auch zukünftig die Bühnen dringend braucht: »Kunst ist nicht da, Regierungen zu gefallen. Kunst ist nicht da, Mehrheiten zu bestätigen oder nationale Selbstbilder zu stabilisieren. Kunst ist frei. Nicht weil jede Kunst gelungen wäre, oder jede Inszenierung Zustimmung verdient, sondern weil offene Gesellschaften darauf angewiesen sind, dass auch unbequeme Perspektiven sichtbar werden.«

Im Anschluss sind die Theatermacher:innen Calle Fuhr, Sabine Koller und zwek (Gustav Kleinschmidt) mit dem Dr. Otto Kasten-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Der Preis wurde in diesem Jahr verliehen mit dem Schwerpunkt »Theater als demokratischer Raum«. Er ehrt Theatermacher:innen und szenische Gestalter:innen, die mit der Öffnung des Raumes experimentieren – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Der Dr. Otto Kasten-Preis wird von der 1962 gegründeten Dr. Otto Kasten-Stiftung getragen. In Zusammenarbeit mit dem Vorstand der Intendant:innengruppe im Deutschen Bühnenverein wird der Preis an herausragende junge Theatermacher:innen vergeben. Mit der diesjährigen Preisvergabe bündelt der Stiftungsvorstand die aktuell vorhandenen Mittel der bis 2027 laufenden Verbrauchsstiftung in drei gleichwertigen Auszeichnungen. Die Preise sind mit je 4.000 Euro dotiert.

Die Preisträger:innen 2026:

Calle Fuhr verbindet als Autor, Performer und Regisseur journalistische Recherche und Bühnenkunst zum neuen, kraftvollen Format des »Investigativtheaters«. Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Schauspiel und zeigt dabei, dass das Theater ein Ort sein kann, der Demokratie nicht nur beschreibt, sondern aktiv stärkt.

Seine Arbeiten entstanden in Kooperation mit Recherchemedien wie CORRECTIV und dem österreichischen Investigativmagazin DOSSIER und bringen brisante gesellschaftliche Themen auf die Bühne: Korruption, Machtmissbrauch, Klimaskandal. Stücke wie »Das Kraftwerk« am Staatstheater Cottbus, »Die Redaktion« und »Aufstieg und Fall des Herrn René Benko« am Volkstheater Wien fanden internationale Beachtung. Seit der Spielzeit 2025/26 ist er als Hausregisseur am Schauspiel Köln tätig.

»Calle Fuhrs Theater schafft demokratische Erfahrungsräume: Mit großer inhaltlicher Präzision öffnet er Bühnen für Ambivalenz und öffentliche Auseinandersetzung. Seine Inszenierungen ermöglichen Begegnung statt Abgrenzung – und machen Theater zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Konflikte gemeinsam verhandelbar werden«, heißt es in der Jury-Begründung.

Sabine Koller studierte Gesang, Songwriting sowie kulturelle Bildung und ist als Theaterpädagogin am Staatstheater Kassel tätig. Ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt in der Entwicklung partizipativer Formate, die Theater als Ort politischer Bildung erschließen.

Ausgezeichnet wird Kollers theatrale Bildungsarbeit und insbesondere das Konzept und die Inszenierung der Schul(hof)performance »Demokratie«, ein Klassenzimmerstück des Jungen Staatstheaters+ Kassel. In einer interaktiven Performance geht die gedemütigte Demokratie personifiziert auf Suche nach Zuflucht bei jungen Menschen. Schüler:innen werden darin spielerisch mit einbezogen: Sie fällen Entscheidungen, sind Publikum und Mitwirkende zugleich. Das Stück stellt Fragen, die brennend aktuell sind: Was ermöglichen uns demokratische Grundwerte? Warum muss Demokratie anstrengend sein? Wie schützen wir sie, auch als junge Menschen?

»Mit außerordentlicher Energie und pädagogischer Sensibilität bringt Sabine Koller Theater und politische Bildung dorthin, wo Demokratie dringend geübt und mit Sinn und Inhalt gefüllt werden muss: in die Klassenzimmer. Ihre Arbeit macht die Schule selbst zum demokratischen Erfahrungsraum und ermutigt diejenigen, die unsere Zukunft entwerfen werden«, heißt es in der Begründung zur Auszeichnung.

Gustav Kleinschmidt, der als Künstler unter dem Namen zwek arbeitet, schafft Bühnenbilder für Theater und öffentliche Räume und überschreitet dabei beständig die Grenzen zwischen Bühnenkunst, Installation und politischer Aktion. Angetrieben von Fragen zu Zugang, Gerechtigkeit und sozialer Teilhabe entwickelt er Räume, die nicht betrachtet, sondern bewohnt und benutzt werden wollen. So lebte er im Projekt »Die Schlichthäuser« einen Monat lang am Berliner Kottbusser Tor in einem selbstgebauten Haus, das als Anlaufpunkt für obdachlose Menschen diente – und baute gemeinsam mit ihnen weitere Behausungen. Mit »Transitfon« installierte er eine unabhängige Kommunikationsstation für Menschen auf der Flucht. Seine Installationen sind soziale Plastiken, in denen das Publikum zum eigentlichen Akteur wird.

»zweks Arbeiten sind von der Materialwahl bis zur Frage des Ortes dezidiert politisch motiviert. Er rückt marginalisierte Perspektiven ins Zentrum und schafft offene Begegnungsorte – oft außerhalb des institutionellen Theaterraums, immer in unmittelbarer Verbindung mit den Menschen, deren Lebenswirklichkeit seine Kunst berührt«, lautet die Begründung der Jury.

Noch bis Samstag tagen die Mitglieder des Bühnenvereins in Berlin: Neben Sitzungen der Gremien, bietet das Treffen Workshops und Panels zu Themen wie Krisenkommunikation, der Handlungsempfehlung »Zukunftspakt Bühne«, Sanierung von Theaterbauten, Beteiligung für junges Publikum sowie Diversitätsmanagement an. Zum Abschluss spricht der Jurist, Journalist und Verfassungsblog-Gründer Maximilian Steinbeis über das Grundrecht der Kunstfreiheit.

Bei Fragen oder Interviewwünschen melden Sie sich gerne.

Bildmaterial: 

Bild 1: Johannes Leppin, Iris Laufenberg, Claudia Schmitz, Carsten Brosda, Cerstin Richter-Kotowski, Jutta Allmendinger, Oliver Reese, Dieter Ripberger, Michael Schröder

Bild 2: Jutta Allmendinger

Bild 3: Auftakt Jahrestagung

Bild 4: Florian Lutz, Sabine Koller, Markus Dietze, zwek_Gustav Kleinschmidt, Kathrin Mädler, Calle Fuhr, Alexander Kerlin, Teresa Monfared, Carsten Brosda

Bild 5: Sabine Koller Preisträgerin

Bild 6: zwek (Gustav Kleinschmidt) Preisträger

Bild 7: Calle Fuhr Preisträger

Das Copyright der Bilder liegt bei Moritz Haase.

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