Jahrestagung 2026: Liebe als Ressource
Die Rede von Carsten Brosda, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, anlässlich der Jahrestagung 2026 am Berliner Ensemble und dem Deutschen Theater:
Liebes Publikum,
wie ist eigentlich die Lage? Die Beantwortung dieser Frage finde ich ganz wunderbar in einem Schild direkt neben dem Aufzug im Hotel, in dem viele von uns untergebracht sind, zusammengefasst, das uns vor eine ganze Menge interpretatorische Herausforderungen stellt.
Da steht nämlich übereinander »Brecht Lounge«, und darunter steht »Feel-Good-Area«. Und eigentlich ist das in a nutshell die Herausforderung, vor der die Theater gerade stehen. Wenn man in dieses Haus, ins Berliner Ensemble, reinkommt, steht direkt am Eingang, dass man hier nicht nur »zum Zeitvertreibe« zu spielen habe. Und wenn die Aussage, wir spielen nicht nur »zum Zeitvertreibe« neben dem Versprechen auf eine Feel-Good-Area steht, kann man schon mal sehen, was wir zu bewältigen haben, wenn es darum geht, als Theater die eigene Sinnhaftigkeit und die eigene Notwendigkeit in eine Gesellschaft hineinzubringen.
Denn die Frage, wie sehr wir Feel-Good-Area sein wollen, in einer Zeit, die sich mitnichten ausschließlich nach Feel-Good anfühlt, die Frage, ob und wie wir Mittel, Maßnahmen und Möglichkeiten entwickeln, die es dieser Gesellschaft ermöglichen, mit diesen komplizierten Zeiten umzugehen: Das ist eine Frage, die in den Häusern jeden Tag neu beantwortet werden muss. Bei der wir jeden Tag gucken müssen, wie kommen wir da eigentlich durch? Sowohl im einzelnen Haus als auch in der kulturpolitischen Verantwortung, als auch am Ende des Tages als Gesellschaft, die ja auch in diesen Herausforderungen steckt. Die sich darüber klar werden muss, wie sehr sie eigentlich den Kopf in den Sand stecken will und versucht zu ignorieren, was da draußen los ist, in der Hoffnung, dass sich das irgendwie löst - verbunden mit der hübschen, regelmäßigen Erkenntnis, dass, wenn man den Kopf wieder aus dem Sand zieht, es eigentlich nur noch schlimmer geworden ist. Aber wir versuchen es dann trotzdem immer wieder nochmal.
Wenn man versucht, die Lage inhaltlich zu analysieren, hat Jutta Allmendinger dazu gestern eigentlich alles Wesentliche gesagt. Ich will es nur nochmal kurz zusammenfassen, weil das Themen sind, die uns wie ein roter Faden durch die gesamte Jahrestagung begleiten werden.
An erster Stelle steht über allem die Frage: Verfügen wir eigentlich noch über die Ressourcen und verfügen wir als Gesellschaft auch über die Bereitschaft, die Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die es braucht, um künstlerisches Schaffen, um Theaterschaffen, um Orchesterarbeit überhaupt noch zu ermöglichen? Da haben wir eine objektive Lage und ein subjektives Problem.
Die objektive Lage ist das Reallaborexperiment »Nullwachstum«, das der eine oder andere seit ein paar Jahren für eine grundsätzlich gute Idee hält, uns aber offensichtlich gesellschaftlich vor Schwierigkeiten stellt. Vier Jahre in Folge kein wirtschaftliches Wachstum zu haben, schlägt irgendwann auf die Haushalte der öffentlichen Hand durch. Vor allem, wenn es damit einhergeht, dass daraus natürlich auch Notwendigkeiten im Bereich der Sozialleistungen erwachsen. Das man sich darum kümmern muss, dass die Rechtsansprüche der Menschen auch bedient werden. Hier wird die Decke irgendwann knapp - und dann fängt man an zu ziehen, versucht, dass alle bedeckt sind. Aber irgendwie reicht es nicht für alles; das merkt man gerade sehr deutlich.
Und die Frage, wie man aus dieser Lage rauskommt, beschäftigt auch die Politik gerade hochtourig. Insofern ist die Unterstellung, die man aus Haushaltsverhandlungen kennt, die man auch als Kultursenator immer gegenüber seinem Kollegen Finanzsenator hat, nicht mehr gültig. Wenn der in ein Haushaltsgespräch einsteigt, ist nie genug Geld da. Das kannte man, so fing das immer an: Weil das quasi ein notwendiger Hinweis darauf ist, dass man sich bitte zu mäßigen habe. Im Laufe des nächsten halben Jahres und Jahres findet man dann im gemeinsamen Fingerhakeln heraus, dass es irgendwie doch noch reichen wird. Diese Unterstellung, die wir viele Jahre geübt haben, gilt endgültig nicht mehr. Einige hatten die Erkenntnis schon vor zwei Jahren; wir sind hier in Berlin, da ist man relativ hart aufgeschlagen. Aber auch an anderen Orten der Republik hat es sich ergeben oder ergibt es sich im Moment gerade, dass da offensichtlich ein echtes Problem ist und nicht nur eins, das kommunikativ-strategisch von der Politik genutzt wird.
Das führt mich dann aber zu der subjektiven Herausforderung, die sich daran anknüpft, und zu der zweiten Frage, die mit der Lage zu tun hat: Sind wir in den gesellschaftlichen Prioritätensetzungen klar? Auch das ist etwas, was wir im Bühnenverein ja ehrlicherweise die ganzen letzten Jahre immer wieder diskutiert haben. Schaffen wir es, die Relevanz kultureller Arbeit für unsere Gesellschaft tatsächlich in die Köpfe der Entscheider:innen zu bringen? Oder ist sie, wie wir es gestern hatten, die freiwillige Leistung, die übrig bleibt, für die man noch Geld haben kann, wenn alles andere ausfinanziert ist? Da gibt es rechtliche Notwendigkeiten, die objektiv sind, es gibt Rechtsansprüche, die bedient werden müssen. Es gibt individuelle Rechtsansprüche, mit denen Menschen vor Gericht gehen und darauf klagen können, dass sie zum Beispiel Wohngeld und Kosten für ihre Unterkunft erstattet bekommen, da will ja auch keiner ran. Aber danach bleibt ja Geld übrig, das dann in die gesamte Bandbreite sozialer, kultureller, öffentlicher Infrastruktur investiert werden kann. Und die Frage ist: Was ist einer Gesellschaft wichtig, und was ist ihr nicht wichtig?
An der Stelle haben wir ziemliche Herausforderungen, weil eine bestimmte selbstverständliche Unterstellung, dass es sich so gehöre, ein Theater zu haben, dass man ein Orchester unterhält, von Jahr zu Jahr unplausibler wird. Man muss dafür kämpfen, dass das so bleibt, man muss überlegen, wie man das hinkriegt. Zu unterstellen, dass das schon so sein wird, weil das immer schon so war, das kann man eine Zeit lang versuchen, bis man irgendwann feststellt, dass es nicht mehr klappt. Aber dann ist es zu spät.
Und insofern stehen wir jetzt an einer Stelle, an der man sich sehr genau angucken muss, wie bringt man dieses Bewusstsein eigentlich wieder in die Köpfe hinein. Dazu will ich gleich eher was sagen als zu der Frage, wie es mit dem Geld weitergeht, und dass man das in den einzelnen Verhandlungen vor Ort sehr konkret nach den jeweiligen Regularien entwickeln muss. Dazu haben wir als Bühnenverein im letzten Jahr mit dem Zukunftspakt, den wir vorgelegt haben, ja auch schon ein Instrumentarium entwickelt, das man nutzen kann. Und zwar tatsächlich genau zu dem Punkt, den Jutta Allmendinger gestern angesprochen hat: Wie schaffe ich denn Verlässlichkeit, um eine Planbarkeit auch über mehrere Jahre hinweg zu haben? Damit man Ende September eines Jahres nicht mit den jovialen Ankündigungen umgehen muss, dass es ab dem 1. Januar übrigens 10 Prozent weniger gibt. In diesem Moment kann damit ja keiner umgehen, weil alles schon disponiert ist und weil die letzten Steuerungsmöglichkeiten weggeräumt wurden. Das ist ja geblieben. Als letzte Möglichkeit, noch irgendwo nachsteuern zu können.
Die Frage ist: Wie setzen wir Prioritäten? Und wie helfen wir der Gesellschaft dabei, die – aus Sicht der Theater und der Künste – richtigen Prioritäten zu setzen? Das ist eine Herausforderung, um die man sich kümmern muss.
Und da spielt der dritte große Komplex rein, der uns momentan beschäftigt. Der sich, wie ich gemerkt habe, auch durch viele Nebengespräche dieser Jahrestagung zieht, und mir aus einer übergeordneten Perspektive am meisten Sorgen macht. Das ist die Frage, ob wir als Gesellschaft nicht nur bereit sind, Prioritätenentscheidungen dazu zu treffen, was wir fördern wollen, sondern ob wir auch bereit sind, die Freiheit, die es braucht, um künstlerisch arbeiten zu können, nicht nur auszuhalten, sondern auch wertzuschätzen.
Dass man das überhaupt von der Bühne aus sagen muss in der Bundesrepublik, finde ich bemerkenswert. Ich glaube, wir dachten eigentlich alle miteinander, dass das Spiel durchgespielt ist, dass wir alle begriffen haben, dass eine Demokratie diese Freiheiten sehr grundsätzlich voraussetzt. Dass es natürlich immer mal wieder Schwierigkeiten gibt, in Einzelfällen, wenn jemandem eine konkrete Ausforderung einer Freiheit nicht gefällt. Und dann trifft man sich gegebenenfalls vor Gericht wieder, und diskutiert das bis zum Ende durch, bis ein Richter sagt: »So ist das mit der Freiheit.« Nur erleben wir momentan schon etwas mehr als das. Wir erleben Momente, in denen auf einmal Regierungen, Beamte anfangen anzurufen und Ratschläge geben: Was man machen sollte, damit es keine Probleme gibt. Und ehrlicherweise hätte ich mir das nicht träumen lassen, dass so etwas in diesem Land nochmal passiert. Die Frage, wie man damit umgeht, und wie man einer Gesellschaft deutlich macht, dass das ein fundamentaler, kategorialer Irrweg ist, auf den wir da gerade einbiegen, das ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung, weil die auch was mit der Frage zu tun hat, wie ich denn die Prioritätenentscheidung hinkriege.
Wenn der Frame nämlich erstmal da ist – die Künste sind gefährlich, die Künste beschädigen die Chance, Demokratie in Gesellschaft zu leben – dann wird es schwierig, die Politik davon zu überzeugen, dass es sich genau andersherum verhält. Dass die Freiheiten der Künste und die Freiheit dieser Räume, die Grundvoraussetzung dafür sind, Demokratie in unserer Gesellschaft überhaupt leben zu können.
Diese Unterstellung, dieser Konnex ist aber nicht mehr selbstverständlich, und er wird teilweise strategisch angegriffen. Das ist ein ernsthaftes Problem, das wir haben.
Wenn wir den Blick ein bisschen weiten und uns nicht nur mit der Lage der Theater beschäftigen, sondern mit der Lage unserer Gesellschaft insgesamt, müssen wir nüchtern feststellen, dass einiges in Aufruhr ist. Jutta Allmendinger hat gestern Luhmann zitiert, der das Vertrauen als Möglichkeit beschrieb, um die Komplexität von Gesellschaft zu reduzieren. In der Tat ist unsere Gesellschaft ja so komplex geworden, dass nicht wenige Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, sie kommen überhaupt nicht mehr klar. Sie wissen überhaupt nicht mehr, wo sie hingucken sollen, wo es Orientierung gibt, was eigentlich noch gilt, was nicht gilt. Wir wissen auch, dass es strategische Herangehensweisen gibt, gerade aus dem rechten populistischen Raum, genau diese Unsicherheit auch zu schaffen, weil man die Orientierungsräume, Orte und Institutionen versucht zu schädigen.
Wir merken ja mittlerweile, dass der berühmte Satz des Trump-Beraters Steve Bannon greift: »Flood the zone with shit.« Die Strategie ist nicht mehr, stumpf die Unwahrheit zu behaupten und zu versuchen, lauter mit der Unwahrheit zu sein. Die Strategie ist, so viel rauszukübeln, dass keiner mehr irgendwas glaubt und dass alles unterschiedslos nebeneinandersteht und dadurch parallel die Institutionen anzugreifen, die noch Vertrauen genießen: Theater, den Rundfunk, journalistische Redaktionen - weil es keine objektiven, unabhängigen oder zumindest nicht eingehegte Kommunikationspositionen in unserer Öffentlichkeit mehr geben soll.
Den Druck spüren ja alle an den Häusern. Und damit befassen wir uns als Bühnenverein schon seit geraumer Zeit. Wir holen uns Leute ran, die uns beraten, wie man in krisenhaften Situationen, in denen man auf diese Weise unter Druck gerät, mit der Lage umgehen kann. Wir haben nachher Workshops, die genau diese Frage stellen: Was mache ich eigentlich, wenn versucht wird, das Vertrauen, das ich in einer Stadtgesellschaft oder in Gesellschaft insgesamt genieße, zu unterminieren, weil man strategisch ein Interesse daran hat, dass das Vertrauen erodiert?
Hinzu kommt, dass wir eine ganz merkwürdige Sehnsucht nach Eindeutigkeit haben. In dem Moment, in dem in der Öffentlichkeit alles so verhandelbar, so offen, so unklar wird, kriegt man immer wieder mit, dass Bürger:innen jetzt auch wissen wollen: Wie ist es denn tatsächlich? Theater stehen zu dieser Frage natürlich quer. Auch das ist ein Problem, weil ich Eindeutigkeit normalerweise, wenn ich Theaterkunst ernst nehme, nicht liefern kann: Ich liefere Uneindeutigkeiten. Ich liefere ausdeutbares Material. Ich liefere Dinge, die das Publikum zu einer eigenen Haltung auffordern, und dazu, sich in-Beziehung zu setzen. Ich fordere es auf, zu verhandeln und dafür zu arbeiten, dafür zu kämpfen, dass genau diese Uneindeutigkeiten, dieses Nicht-Ausgelotete, dieses nicht durch eine Haltung so sehr Überprägte bestehen bleibt. Dafür, dass ich eben nicht einfach rausgehen und sagen kann: »Ah ja, genau so ist es.« Daraus etwas zu machen, was ein lustvolles Versprechen an eine Gesellschaft sein kann, das ist, glaube ich, eine der Kernherausforderungen, wenn wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir eigentlich sicherstellen, dass eine Gesellschaft sagt: Ich will diese Ordnung nicht nur haben, sondern ich brauche sie ganz dringend.
Was wir momentan erleben, sind Angriffe auf die Freiheit dieser kulturellen Orte. Wer die Wahlprogramme der AfD für Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt liest, bekommt eine Vorstellung davon, was für eine andere Republik die wollen. Da wird Kunstförderung explizit an die Frage gekoppelt: Stärkt sie die regionale Identität, stärkt sie das Heimatgefühl, und trägt sie zu einer nationalen Kultur bei? Das ist eine kulturpolitische Perspektive, die in aller Härte und Klarheit auftritt. Und das Problem, das wir haben, ist, dass die demokratischen Parteien, und zwar alle demokratischen Parteien, ehrlicherweise in den letzten zwanzig Jahren keine Kulturpolitik in dieser Klarheit gemacht haben. Wir haben gute Förderbedingungen gestaltet. Wir haben vor Ort mit Institutionen darüber geredet, wie man dafür sorgt, dass Haushalte ihnen die Ressourcen zur Verfügung stellen, sodass man weiterarbeiten kann. Aber eine Vorstellung davon, was denn Politik für die Kultur in einer offenen demokratischen Gesellschaft sein soll, die etwas anderes ist als eine Kulturpolitik, die sagt: »So soll die künftige Kultur des Landes aussehen.«, eine Vorstellung, die man auch kommunizieren kann, haben die demokratischen Parteien nicht im Köcher. Und das ist eine Schwierigkeit.
Als jemand, der selbst an dieser Schnittstelle arbeitet und zumindest zum Teil für die Programmatik einer Partei verantwortlich ist, glaube ich, dass es kluge Allianzen zwischen der Kulturpolitik und den kulturverantwortlichen Institutionen braucht, um das hinzubekommen. Nicht im Sinne eines Sichgemeinmachens mit einzelnen politischen Akteuren, das ist in der Regel keine besonders gute Idee. Aber im Sinne eines Sicherns der strukturellen Rahmenbedingungen dafür, im Sinne einer Konzeption, die den Vorstellungen der AfD relativ klar und hart, der im Moment eigentlich einzigen kulturpolitisch kalkulierten Partei, entgegentritt und eine politische und gesellschaftliche Kultur einer offenen Demokratie entwirft.
Wenn wir diese Lücke lassen, wird es schwierig bleiben, dann wird auch die Auseinandersetzung schwierig bleiben. Und zwar, weil Demokratien ja in der Regel nicht scheitern, weil ihre Institutionen versagen. Sie scheitern, weil die politisch-kulturellen Rahmenbedingungen in Demokratien erodieren. Vielleicht haben Sie die Studie gelesen, die vor ein paar Jahren durch die Öffentlichkeit in Deutschland gegangen ist, von Steven Levitsky und Daniel Ziblatt: How Democracies Die. Die zwei Harvard-Politologen haben sich historisch vergleichend über hundert, hundertfünfzig Jahre angesehen, an welchen Stellen demokratische Gemeinwesen in Schwierigkeiten geraten. Sie sagen: In eigentlich allen erodierenden Demokratien haben die demokratischen Institutionen, die vorher etabliert worden sind, noch vergleichsweise lange funktioniert. Von außen betrachtet, in einer reinen politischen Institutionenanalyse, geschah das auch unverändert; auch die Theater haben noch gespielt. Die produktiven Output-Bedingungen waren die gleichen. Man hat einen Spielplan gemacht, man hatte ein Ensemble. Was sich verändert, sind die kulturellen Einkleidungen. Also: Wie fülle ich diese Institution, wie lebe ich sie?
Levitsky und Ziblatt sagen, dass vor allem zwei Dinge verloren gehen, die sie die Leitplanken von Demokratie nennen, »the guardrails of democracy«. Zum einen, sagen sie, verschwindet in beginnenden autokratischen Gesellschaften die Annahme, dass der Gesprächspartner auch Recht haben könnte. Wenn ich so in unsere Öffentlichkeit gucke, würde ich sagen: Obacht, da sind wir bereits. Das zweite, was verschwindet, ist die Bereitschaft, einen Rechtsanspruch, den man hat, nicht zu hundert Prozent in Anspruch zu nehmen, um Raum für Verständigung zu lassen. Wenn ich sage, das ist mein Recht, das will ich haben, dann gehe ich so sehr an die Kante, dass ich die notwendigen Aushandlungs- und Kompromissmöglichkeiten und -räume, die ich in der Gesellschaft brauche, nicht mehr habe. Auch das erleben wir. Das übersetzt sich in dieses: »Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen.« Und ja, man darf »das« sagen. Aber wenn man das Gefühl dafür verliert, dass es vielleicht respektvoll wäre, es nicht zu tun, verlieren wir etwas im demokratischen Miteinander, was ich institutionell gar nicht auffangen kann. Und wenn ich versuchen würde, es institutionell aufzufangen, würde ich Freiheiten beschränken, weil ich auf einmal Qualitäten von Kommunikation in Öffentlichkeit beschreiben müsste, die der Staat gar nicht erzwingen kann. Diese Schwierigkeit haben wir momentan.
Zu diesen Angriffen von rechts, mit denen wir nicht so ganz klarkommen, kommt hinzu, dass wir natürlich auch – Hanno Rauterberg hat darauf schon vor ein paar Jahren hingewiesen – ein Auseinanderfallen der Kategorien Ethik und Ästhetik erleben. Viele Jahre war es völlig selbstverständlich, dass sich weite Teile des kulturellen Betriebs mit denjenigen in einer Gesellschaft im gleichen Boot, im gleichen Lager wähnten, die sagen, wir haben eine positive Idee davon, wie es in Zukunft weitergehen soll. Die für Freiheiten, für Offenheit, für Diversität kämpfen. Wir haben so vor zehn, fünfzehn Jahren unter Schlagworten wie Identitätspolitik und anderen auf einmal erlebt, dass da eine Frontstellung entsteht, dass sich ein Lager, das sich eigentlich beieinander wähnte, auf einmal gegeneinander gedreht hat.
Das bringt all die Schwierigkeiten mit sich, die wir seit vielen Jahren auch im Bühnenverein untereinander diskutieren. Weil die Kunstfreiheit natürlich mit der Idee, alles müsse ein Safe Space sein, in Konflikt gerät. Das kann gar nicht anders sein, und es setzt wieder voraus, dass ich jenseits dessen, was ich normieren kann, in der Lage bin, kulturell vernünftig zu handeln, weil ich weiß, dass es richtig ist, so zu handeln, ohne dass ich jede Einzelheit davon tatsächlich so normieren kann, dass sie rechtlich durchsetzbar wäre.
Da geraten wir in eine Situation, in der ein Staat, der die Sorge entwickelt, dass die Demokratie tatsächlich in Gefahr gerät, anfängt Unsinn zu machen, weil nicht nur die kulturelle Freiheit in Gefahr gerät, sondern einzelne Akteure ganz offensichtlich der Meinung sind, dass die Gefahr auch aus der Kultur selbst droht. Sodass man anfängt, sich in anderer Art und Weise um Kultur zu kümmern, weil die Kultur ja offensichtlich der Raum ist, in dem Demokratie verhandelt wird, in dem es problematisch wird. Und da könnte man jetzt ganz dialektisch abstrakt sagen: Ist doch super! Endlich erkennen die, welchen Wert Kultur hat.
Tja, ganz so ist es nicht.
Der Ausgangspunkt, warum es richtig ist, dass wir gemeinsam auf die Kultur blicken, lässt sich ganz instruktiv bei Ernst Cassirer ableiten, man muss allerdings auch die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Und das ist das Problem: Hier gibt es oftmals eine richtige Intuition und falsche Schlussfolgerungen. Wir müssen dabei helfen, dass aus der richtigen Intuition wieder die richtigen Schlüsse gezogen werden. Die richtige Intuition ist, dass ja in der Tat die Frage unserer kulturellen gesellschaftlichen Disposition etwas mit unserer Demokratiefähigkeit zu tun hat. Cassirer, der eine oder die andere erinnert sich aus der Kunstgeschichte, das war der mit den symbolischen Formen. Das war der mit der These, dass wir unsere Welt in symbolischen Formen begreifen. Maßgeblich sind dabei die Künste, aber auch ethische und sprachliche Systeme. Sie verdoppeln unsere Welt, um sie verhandelbar zu machen. Diese symbolischen Formen verhandeln, welchen Sinn wir eigentlich unserer Welt und unser gesellschaftliches Miteinander geben, um das einmal in einer brutal vergröbert-philosophischen Zusammenfassung zu umreißen.
Cassirer hat 1945, und darauf will ich hinaus, kurz vor seinem Tod ein Buch geschrieben, in dem er sich angeguckt hat, wie es eigentlich zum nationalsozialistischen Staat in Deutschland kommen konnte: Der Mythos des Staates. Darin wendet er seine Kulturphilosophie auf die Frage an, wie es denn sein konnte, dass uns Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre die Demokratie abhanden gekommen ist. Und seine These, die er darin entwickelt, ist, dass diesen symbolischen Formen archaische Mythen vorangehen, sehr alte und gewalttätige Vorstellungen davon, wie sich das Miteinander von Menschen in Gesellschaft gestaltet.
Das ist dann der Bereich, in dem wir einander Wölfe sind, in dem der Stärkere sich durchsetzt, in dem es um dieses gewalthaltige Miteinander geht. Cassirer sagt, der gesamte kulturelle und zivilisatorische Prozess der Menschheit ist einer, in dem höhere Kräfte - und dazu zählt er ausdrücklich die Kunst - diese archaischen Mythen zähmen. Sie überprägen gesellschaftlichen Miteinander mit anderen Bildern, die es uns möglich machen, anders miteinander umzugehen als in dieser archaischen, atavistischen Idee: »Ich habe eine Keule, die ist größer als deine Keule, wenn du nicht das machst, was ich will, dann hast du meine Keule gleich am Kopf!« Das ist die Ursprungsversion, auf die sich bestimmte Formen von rechten und autokratischen Vorstellungen von Gesellschaften wieder beziehen. In den 20er und 30er Jahren sei es nicht gelungen, den Demokratinnen und Demokraten in diesem Moment, in dem die Rechten anfingen, in einer gesellschaftlichen Krisensituation die alten Mythen wieder auszupacken, symbolische Formen, Geschichten und Bilder eines demokratischen Miteinanders zu entwickeln. Cassirers Analyse ist, deswegen sei der Mythos so stark geworden, dass er gesellschaftlich alles andere überprägte und auf einmal wieder eine plausible Organisationsform für Gesellschaften wurde.
Auch das erleben wir gerade in a nutshell, nicht erst seit jetzt, sondern mindestens, wie Habermas mal gesagt hat, seitdem Botho Strauß in den 90er Jahren seinen Anschwellenden Boxgesang geschrieben hat: Da war der Mythos nämlich auf einmal wieder da, wenn man auf Kultur und Geschichten zurückgehen will.
Wenn das so ist, und ich glaube, der Analyse kann man etwas abgewinnen, stellt sich die Frage, wie man damit gesellschaftlich und politisch umgehen kann. Und auch da wird aus der richtigen Erkenntnis schnell der falsche Schluss gezogen. Da kommen wohlmeinende oder weniger wohlmeinende demokratische Politiker, die sagen: »Naja, deswegen ist es jetzt notwendig, dass die Kulturinstitutionen Programme machen, in denen sie diese Bilder und Geschichten entwickeln. Damit wir aus der demokratischen Mitte heraus erklären, wie schön die Demokratie ist.« Um nur einmal ganz freundlich und vorsichtig zu umschreiben, was da momentan auf Bundesebene und von anderen in die Landschaft geblasen wird. Ich glaube, dass das ein kategorialer Fehler ist. Weil diese Geschichten und Bilder nicht dadurch entstehen, dass ein Staat sie bei den Kulturinstitutionen bestellt und nur noch das fördert, was dort passieren soll. Sie entstehen, wenn ich als Staat alle Ressourcen im kulturellen und künstlerischen Feld bereitstelle, sodass die Freiheiten der Künste bis an den Anschlag ausgenutzt werden können. Damit wir dann gesellschaftlich entscheiden können, welche dieser Bilder und Geschichten wir für uns und unsere Selbstbeschreibung relevant finden: Nicht indem ein Staat das vorher eng führt, sondern indem wir uns als Gesellschaft befähigen, mit der unbedingten und unmittelbaren Freiheit der Künste so umzugehen, dass wir uns damit auseinandersetzen können.
Insofern hat die Diskussion, die hier gestern auf der Bühne kurz stattgefunden hat, wie viele Politiker eigentlich ins Theater gehen, schon was Relevantes. Aber es geht nicht nur darum, wie viele Politiker*innen, sondern wie viele Menschen insgesamt in unserer Gesellschaft ins Theater gehen. Es geht darum, wie viele Menschen sich in unserer Gesellschaft mit Erzählungen aufladen, die ihnen eine Möglichkeit geben, anders auf unser Miteinander zu gucken, als es die gängigen, vereinfachten und vergröberten Strukturen machen, die uns in unserer Öffentlichkeit gerade begegnen.
Und auch da haben wir ein echtes Problem. Die Schwierigkeit entsteht in dem Moment, in dem der Staat sagt: Verteidigt mal die demokratische Mitte. Während unserer Jahrestagung vor einem Jahr hat Herr Weimer seinen ersten Text in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Da waren einige im Raum, die sagten: »Guck mal, ist doch ein ganz Liberaler, macht er doch gut.« Er hat schon damals geschrieben, dass er demokratische Kunst fördern will – ohne zu definieren, was das heißt. Mittlerweile definiert sein Apparat, was das heißt. Er überprägt damit durchaus auch, was andere darunter zu verstehen haben, und hat damit natürlich durchaus eine Wirkung auf das, was gerade passiert.
Wenn wir uns nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie wir dem etwas entgegensetzen und die Freiheiten der Künste unbedingt erhalten, begeben wir uns auf eine schiefe Ebene. Auf dieser wird es dann perspektivisch für andere politische Kräfte schleichend möglich, den einen Förderzweck durch den anderen zu ersetzen. Dann habe ich ja schon das Grundprinzip etabliert, dass ich einen inhaltlichen Zweck an eine Förderung hängen kann.
Das fing übrigens noch viel früher an, das ist keine Erfindung der jetzigen Regierung. Auf eine nettere Art war es bei Claudia Roth nicht anders. Sie sagte auf jeder Bühne: »Helft mir, die Demokratie zu verteidigen!« Das war total freundlich – und trotzdem: Keiner hier im Saal hat die Aufgabe, die Demokratie zu verteidigen. Meine These ist: Wenn Sie Kunst produzieren, entstehen alle Möglichkeiten, durch die eine Gesellschaft ihre Demokratie als etwas Schönes wertschätzen lernen und dann auch selbst verteidigen kann. Aber eine Programmkunst zu entwickeln – »Schafft uns mal die Bilder, die Demokratie verteidigen.« - »Bringt die Stoffe auf die Bühne, die Demokratie verteidigen.« – das ist ein Fehler. Und ich glaube, diesen Fehler dürfen wir nicht miteinander machen. Bei aller berechtigten Sorge: Wir verteidigen eine Demokratie dadurch am besten, dass wir die Freiheit einer Demokratie leben. Und dazu gehört auch, dass wir die Freiheit in den Programmen leben.
Es kommt noch eine Schwierigkeit hinzu, wir sind noch nicht am Ende der Komplexität, das hatte ich ja versprochen: Wir erleben nicht nur die Auflösung des Miteinanders von Menschen, die eine positive Zukunftsvorstellung haben, und Menschen, die Kunstinstitutionen prägen, sondern finden uns merkwürdigerweise auch auf einer anderen, unerwarteten Seite des Spektrums wieder.
Der große Soziologe Karl Mannheim hat mal versucht, Konservatismus zu erklären, indem er gesagt hat, in jeder Gegenwart ringen zwei Gruppen miteinander. Diejenigen, die die Gegenwart als das Ende einer Vergangenheit sehen, und diejenigen, die in der Gegenwart den Beginn einer Zukunft entdecken. Lange Jahre fühlte man sich relativ selbstverständlich dem zweiten Lager zugehörig: Wir haben in der Gegenwart die Chance, was Neues zu machen. Mittlerweile sind nicht wenige Vertreter:innen offener gesellschaftlicher Institutionen in die Lage gerückt worden, sich in der ersten Gruppe zu befinden: Weil wir das Gefühl haben, es geht gerade etwas zu Ende und wir müssten etwas gegen eine Veränderung verteidigen. Und auf einmal sind diejenigen, die in die 30er oder 50er Jahre zurückwollen - je nachdem, wie aggressiv und wie radikal sie unterwegs sind - diejenigen, die eine neue Zukunft gestalten wollen. Auch das sorgt für eine ganze Menge merkwürdiger Verschiebungen, Verkantungen und Verunsicherungen. Weil man sich auf einmal als Bewahrer fühlt, obwohl man eigentlich gleichzeitig den Anspruch hat, etwas zu gestalten, etwas zu spielen, sich um Zukünfte kümmern, etwas Neues machen zu wollen. Dann begegnet man, wie ich letzte Woche, sogar jungen Regiestudierenden, die einem sagen, man müsse jetzt mal mit diesen Lügen aufhören. In Wahrheit ginge es doch nur noch darum zu verhindern, dass es noch schlimmer wird. Auch das ist kompliziert: Die Geschichte »Wir verhindern, dass es schlimmer wird«, bringt keinen auf die Straße. Sie motiviert niemanden, irgendetwas zu machen. Das Beste, was einem dann noch bleibt, ist so etwas wie heiterer Fatalismus, viel mehr geht dann nicht mehr.
Als Fußballfan des FC Schalke 04 kann ich den Impuls verstehen: Da habe ich mich grundsätzlich so eingerichtet, dass ich a priori davon ausgehe, dass der Verein verliert. Das birgt nämlich die schöne Möglichkeit, entweder Recht zu haben oder positiv überrascht zu werden. Ich kann also nur gewinnen. Selbst in Situationen, in denen sie nur viereinhalb Minuten deutscher Meister waren, und ich dann lernen musste, dass es so etwas wie indirekte Freistöße im Strafraum gibt.
Das Problem ist aber, dass diese Haltung nur funktioniert, solange ich zugucke. In dem Moment, in dem ich selbst auf dem Platz bin, ist das keine Option. Denn wenn ich selbst auf dem Platz bin, kann ich nicht sagen, es gibt zwei Ergebnisse, die ich nicht beeinflussen kann. Ich kann mir die Interpretation meiner Wirklichkeit nicht so zurechtlegen, dass entweder das eine oder das andere Ergebnis stimmt. Sondern ich bin selbst in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass eines der beiden Ergebnisse eintritt. Deswegen greift das zu kurz. Und deswegen glaube ich auch, dass wenn in dieser Diskussion, die wir miteinander über die Frage führen, wie wir denn kulturelles Leben organisieren, Resilienz nicht der richtige Weg ist.
Nur zur Erinnerung: Resilienz heißt ja, mich in den Zustand einzuschwingen, der vor der Krise geherrscht hat. Es bedeutet, als System so stabil zu sein, dass ich wieder in den vorkrisenhaften Zustand zurückkomme. Angesichts der Lage der Welt, in der ich mich bewege, würde ich a) immer fragen: Welche Krise, also: vor welche Krise wollen wir zurück? Und b) würde ich immer noch einmal hinterfragen, ob es damals wirklich so gut war, wie wir uns das ausmalen, weil es gerade so schwierig ist. Ich glaube, wir können beide Fragen nicht vernünftig beantworten. Es erscheint mir viel plausibler zu sagen, wir müssen durch die Krise hindurch und etwas Neues schaffen. Dann muss aber auch die Bereitschaft eintreten, das zu entwickeln.
Mir kommen die Resilienzdiskurse nicht richtig vor, diese defensive Haltung, mit der man ja momentan auch politisch jeden Saal auf seine Seite gewinnen kann. Denn dann kommt so jemand wie ich auf die Bühne und erzählt eine Viertelstunde lang, wie schlimm die Lage ist. Am Ende seufzen alle auf und sagen: »Endlich sagt es mal einer.« – »Endlich redet mal einer nicht drum herum.« – »Endlich redet es mal einer nicht schön.« »Ja, ist schon richtig beschissen.« Und dann sackt man so in sich zusammen, geht aus dem Saal raus. Auf dem Weg nach Hause merkt man: Verändert hat das jetzt nichts. Wir haben uns wohlig darin übereingefühlt, in dem Wissen, dass wir es ganz schwer haben. Das kann emotional total handlungsentlastend sein: »Ich bin nicht alleine in meinem Elend.« Das kennen wir alle. Dann brauche ich einen Freund, an dessen Schulter ich erklären kann, warum es mir gerade schlecht geht. Aber produktiv wird dieses Szenario nur, wenn der mich dann anstößt und sagt: »Jetzt lass uns mal überlegen, wie wir da wieder rauskommen.« Das ist der Impuls, den wir brauchen.
Diese Resilienzdiskurse erinnern mich ein bisschen an den aus meiner Sicht größten Philosophen der Menschheitsgeschichte: Winnie-the-Pooh. Ich weiß nicht, wer sich noch an die Kinderbücher erinnert, über die mal der Witz kursierte: »Die musst du in den Übersetzungen von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht so viel verloren.« In der wunderbaren ersten Geschichte geht es darum, wie Winnie-the-Pooh, der als Bär ja gern Honig isst, unbedingt an den Honig ran will, den die Bienen in einer Baumkrone herstellen. Und dann versucht er daranzukommen, holt sich einen Luftballon, schwebt hoch und Christopher Robin muss unten mit einem Regenschirm über dem Kopf laufen, damit Pooh wie eine Wolke getarnt die Bienen nicht aufregt. Aber natürlich regen die Bienen sich auf, sie attackieren ihn. Daraus schlussfolgert Winnie-the-Pooh: »Weißt du was, Christopher Robin? Ich glaub‘, das ist die falsche Sorte Bienen. Die machen bestimmt auch den falschen Honig. Und der schmeckt gar nicht.« Dann gibt er auf.
Es geht mir um dieses Moment: »Das sind die falschen Bienen. Das ist doch der falsche Honig.« Wir reden uns ein, dass das, was wir eigentlich wollen, nicht das ist, was wir wollen können, weil es zu erlangen offensichtlich so schwierig ist. Genau das sind die Resilienzdiskurse unserer Zeit. Wir erklären uns, es muss ausreichen, dass es nicht schlimmer wird. Ich kümmere mich nicht mehr drum, kriege zwar nicht den Honig, auf den ich Bock habe, aber zumindest werde ich nicht gestochen. Ich glaube, dass wir damit ganz deutlich unter unseren Möglichkeiten bleiben. Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft Gedanken darüber machen müssen, aber auch als Institution in dieser Gesellschaft, die für Freiheiten stehen: Wie wir das, was wir für richtig erachten, tatsächlich auch erreichen.
Um von einem Philosophen zum anderen zu kommen: Zu Richard Rorty, einem echten Philosophen, der einmal gesagt hat: »You have to stay loyal to your dream country and not to the country that you wake up in every morning.« Du musst gegenüber deinem Traumland loyal bleiben und nicht gegenüber dem Land, in dem du jeden Morgen aufwachst. Was er damit meinte, war: Nur weil eine Gegenwart nicht so ist, wie man sie gerne hätte, darf man die Träume davon, wie sie denn sein sollte, nicht aufgeben. Die Frage ist, welche Wege und welche Möglichkeiten wir finden, um dahinzukommen, wo wir eigentlich hinwollen. Denn nur weil die Gegenwart nicht so ist, wie man sie gerne hätte, wird die Idee davon ja nicht falsch. Auch wenn wir uns das momentan permanent einreden: »Das ist doch unrealistisch!« – »Das kann man doch nicht wollen.« – »Das ist doch Quatsch.« – »Das ist doch naiv!« Und was man sonst so alles hört, wenn man normativ darauf beharrt, dass wir als Menschen vielleicht tatsächlich in der Lage wären, respektvoll, frei, offen, vielfältig, divers, demokratisch und einfach nett miteinander umzugehen.
Ich glaube, dass wir tagtäglich daran arbeiten müssen, dass das möglich ist. Und ich glaube, dass wir das in den Häusern tun müssen. Wir stecken angesichts der allgemeinen gesellschaftlichen Lage in einer Situation, in der wir uns klar machen müssen, entweder wir verändern uns selbst - oder wir werden verändert. Dass es so bleibt, wie es ist, einfach weil wir das so wollen: Das ist in einer Gesellschaft, in der nichts so bleiben wird, wie es ist, hochgradig unwahrscheinlich.
Die Schwierigkeit ist, dass wir alle keine Vorstellung davon haben, wie es zukünftig wird. Und dass Leute deswegen sagen: »Lasst uns doch irgendwohin zurückgehen.« Deswegen wird es ein entscheidender Punkt sein, sich Gedanken zu machen, welche Bilder wir entwickeln. Nicht, weil ein Staat sie bestellt, sondern weil es einfach klug ist, das als Gesellschaft zu tun, die frei und offen miteinander leben möchte.
Was wir im letzten Jahr als Bühnenverein gemacht haben, den Zukunftspakt zu entwickeln, bei dem am Anfang alle gesagt haben: »Um Gottes Willen!« Das ist deswegen aus meiner Sicht genau der richtige Weg. Denn wenn wir nicht uns aufmachen und selbst Vorschläge entwickeln, machen das andere. Und sie machen das nicht entlang der Ideen, die ein Theater oder ein Orchester braucht, sondern sie machen das entlang der Notwendigkeiten, die ihnen die vermeintlich objektive Lage in ihren Haushalten, in ihrer Öffentlichkeit, in ihrer Bürgerschaft vorgeben. Und dann stehen wir vor der beknackten Frage: Schwimmbad oder Theater? Was können wir uns noch leisten?
Wenn ich mir vorher einen Weg überlegt habe, kann ich das verhindern. Wenn ich nicht nur allein eine Vorstellung davon entwickle, wie ich mich verändern kann, sondern überlege, welche Allianzen ich dafür gesellschaftlich brauche. Dann habe ich auch eine Chance, dass die Frage »Schwimmbad oder Theater?« gar nicht erst gestellt wird. Denn dann bin ich mit anderen Akteuren vor Ort, die ebenfalls für soziales, kulturelles, gesellschaftliches Miteinander da sind, schon so verbunden, habe schon solche Allianzen gebildet, dass ich mich gar nicht mehr gegeneinander schieben lassen kann.
Dafür gibt es schöne Beispiele. Stuttgart im letzten Jahr, wo man quasi mit allen Akteur*innen aus dem sozialen Leben der Stadt auf die Bühne gegangen ist und gesagt hat: »Wir stehen zueinander, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren, nach dem Muster: Sagt ihr uns doch, wofür wir noch Geld ausgeben sollen und wofür nicht.«
Allianzen sind entscheidend. Denn in der Regel gilt ja auch, je kleiner eine Stadt ist, desto größer wird das Theater als Akteur. Und desto größer wird auch die Projektionsfläche der Bühne für die Stadtgesellschaft: Wollen wir uns das leisten? Können wir uns das leisten? Was erwarten wir dort? Das sind relevante, elementare Punkte. Und ich glaube, da müssen wir aus den Allianzen heraus auch eigenständig überlegen, wie wir es zusammen hinbekommen.
Bin ich in der Lage, eine eigene Vorstellung von Veränderungen zu erzeugen? Bin ich in der Lage, Allianzen zu bilden? Ich muss wissen, wer ich selbst bin, muss ein Selbstbewusstsein entwickeln. In diesem Sinne müssen wir uns klarmachen - und den Gedanken auch in die Gesellschaft tragen - wofür es die Künste, wofür es Bühnen und wofür es Orchester braucht: Weil wir eine eigene innere Haltung zu unserer Aufgabe haben. Und diese eigene innere Haltung ist nicht Demokratieverteidigung. Die ist nicht Soziale-Integration-Stärken. Die besteht nicht aus nicht internationalen Netzwerken. Das alles passiert von allein, wenn die Theater und die Orchester Kunst machen, weil es in den künstlerischen Produktionsprozess eingeschrieben ist, dass man so arbeitet. Man kann die Freiheit der Künste nur in Anspruch nehmen kann, wenn man sie auch tatsächlich frei gestalten lässt. Das ist aber kein Programmauftrag, sondern einfach der coole Kollateralnutzen, den man so mitnehmen kann.
Peter Kümmel schreibt in einem ZEIT-Text über den Ort, an dem nachts das Licht brennt: »Das Theater ist ein Ort, an dem professionelle Kindsköpfe den Lauf der Welt nicht nur nachspielen, sondern auch verstehen und vielleicht sogar vorhersagen.« Und dieses Verstehen- und Vorhersagenwollen ist ein grandioses Angebot, das wir einer Gesellschaft machen können.
Und das führt mich dann zu der Frage, wie ich mich organisiere, wie ich mich selbst transformiere, wie ich gemeinsam Bündnisse baue: Wie mache ich einer Gesellschaft klar, dass sie aus dem Kern der Künste heraus wahnsinnig viel zu profitieren hat? Indem sie hier erlebt, wie Freiheit geht. Weil sie hier erleben kann, was für ein Fest diese Freiheit ist. Weil sie hier lernen kann, wie Solidarität funktioniert. Weil man sieht, wie miteinander auf der Bühne etwas entsteht, wie ein Orchester miteinander in den Austausch geht, wie dort aus dem Gegeneinanderspielen überhaupt erst ein Klang werden kann. Das lädt uns wieder mit dem Bewusstsein dafür auf, dass es doch geht. Ich glaube, jeder von uns kennt den Moment, dass man aus einem Konzert, aus einem Theaterstück, aus einem Kinofilm kommt und das Gefühl hat: Eigentlich könnten wir das, wenn wir wollten.
Also ich habe diese Erfahrung neulich bei einer wunderbaren neuen Inszenierung von »Hard Times« nach Charles Dickens gemacht, auf die ich am Anfang gar nicht so richtig Lust hatte. Ich hatte Sorge, dass es ein ganz schwerer, düsterer Abend würde. Das Letzte, was ich brauchte, war »zum Zeitvertreibe« die Härte der Frühindustrialisierung im 19. Jahrhundert in Nordengland zu verfolgen. Und dann wurde daraus in der Regie von Antu Nunes eine Feier der Vorstellungskraft. Daraus wurde ein Stück über den Zirkus, in den sie am Ende gehen. Daraus wurde dieses heitere Gefühl, mit dem sie am Ende abgehen und sich vorstellen, es könnte anders ausgehen. All die schlimmen Sachen aus dem Roman passieren auch auf der Bühne - und trotzdem geht man am Ende mit dem Gefühl raus, dass es trotz des Schlimmen irgendwie leicht ist. Man geht mit dem Gefühl, wenn wir anders auf diese Welt gucken, wenn wir anders handeln, auch etwas anderes daraus machen könnten. Diese Fähigkeit in ein Publikum zu tragen, diese Fähigkeit wach und lebendig zu halten, finde ich Wahnsinn. Es ist eine Kraft, die keine andere Institution, kein anderer gesellschaftlicher Bereich hat, außer den Künsten.
In Hamburg haben wir letzte Woche die Triennale der Fotografie eröffnet. Und Marc Sealy, der Kurator, hat diese Triennale unter ein programmatisches Motto gestellt, das er einem Song von Nat King Cole von 1948 entnommen hat. »Nature Boy«. Allein die Geschichte des Songs ist schon der Wahnsinn. Der Song wurde 2001 nochmal bekannt, weil er von Baz Luhrmann in Moulin Rouge verwendet wurde. Da singt David Bowie, einmal allein, einmal begleitet von der Band Massive Attack.
1948 gab ein Schrat nach einem Konzert von Nat King Cole einen Songtext am Bühnenhintereingang des Theaters ab, in dem King Cole aufgetreten ist. Dann verschwindet er wieder. Nat King Cole bekommt also diesen Song über einen Jungen, der durch die Welt wandert, und will ihn aufnehmen. Er sagt: »Das ist genau das, was ich brauche. Ich will endlich einen Crossover-Hit haben.« Der Song hat jüdische Elemente, hat klassische Lead-Elemente, kommt eben nicht nur aus dem Blues, nicht nur aus dem Jazz: Er ist viel übergreifender. Sie suchen nach dem Songwriter, von dem sie nur wissen, dass er eden ahbez heißt. Sie finden ihn, kampierend unter dem großen L des Hollywood-Signs in Beverly Hills. Er ist eine Art Proto-Hippie von 1948, der aus der Gesellschaft ausgestiegen ist und hier langhaarig in seinem Zelt lebt. Die Story könnte man sich als Film nicht besser ausdenken, sie ist aber wahr. Nachdem sie den Song aufgenommen haben, bleibt der tatsächlich wochenlang, monatelang auf Platz 1 - und ist seitdem hunderte Male gecovert worden.
Im Jahr 1948 wird die Declaration of Human Rights verabschiedet. Da passieren viele andere Dinge, mit denen wir uns bis heute auseinandersetzen, deswegen hat Marc Sealy den Song ausgesucht. Der Song enthält Zeilen, in denen eigentlich alles über den Auftrag gesagt wird, den wir als Gesellschaft haben: »The greatest thing you’ll ever learn, is just to love and be loved in return.« Da steckt eigentlich alles drin.
Wo sprechen wir in unserer Gesellschaft eigentlich noch darüber, dass Liebe nicht nur ein romantisches Konstrukt zwischen Menschen ist, die eine Unterlegung für eine gemeinsame Zukunft brauchen. Wo sprechen wir darüber, dass Liebe auch etwas ist, was wir als Ressource in unser Miteinander in einer Gesellschaft einbringen? Dass sie etwas ist, das wir lernen können, »to learn«? Dass das nicht etwas ist, worauf ich setzen kann, das empfinde ich oder nicht, sondern: Wo lerne ich lieben? Wo lerne ich, liebevoll, respektvoll miteinander in einer Gesellschaft umzugehen? Und was fehlt uns eigentlich momentan mehr als die Fähigkeit, uns liebevoll und respektvoll und empathisch zu verhalten; mit der Fähigkeit ausgestattet, sich in jemand anderes hineinzuversetzen, hineinzufühlen, dessen Position nachzuspielen, dadurch dann besser zu verstehen, worum es geht. Wo kann ich das eigentlich besser lernen als im Theatersaal?
Hier habe ich auch noch den schönen Effekt, dass ich nicht in simulierten, digitalen Welten unterwegs bin, sondern ein echtes, reales, analoges Erlebnis habe. Hier sehe ich, dass das wirklich Menschen machen und betrachte nicht nur ein Video auf Social-Media, von dem ich mich unwillkürlich frage: »Stimmt das jetzt oder stimmt das nicht, hat das jemand gepromptet oder ist das echt?« Hier weiß ich, dass alles echt ist.
Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft, die sich dafür entscheidet, sich dieses Versprechen weiterhin zugeben, eine bessere Gesellschaft ist als eine, die das nicht tut. Wenn wir darüber reden, uns das präsent halten, kriege ich genug Geld für mein Haus. Wir sind wir alle miteinander gut beraten, es nicht auf die Dimension des Fingerhakelns verkürzen. Wir dürfen die größere Perspektive dahinter nicht nur mitsprechen, sondern wir müssen sie auch mitdenken, konzipieren und uns auch die Verbündeten suchen: In den Häusern, mit allen, die dort Verantwortung tragen, und die Bereitschaft haben, etwas zu verändern. In den Allianzen, die wir vor Ort schaffen, weil wir nicht gegen das Soziale, nicht gegen den Sport, nicht gegen sonstige Gesellschafts-, Bildungs- und Beratungseinrichtungen stehen, sondern gemeinsam mit ihnen an der sozialen Infrastruktur einer Gesellschaft arbeiten. Mit Blick auf eine Gesellschaft, der wir andere Ideen davon anbieten können, wie wir miteinander umgehen.
Förderer sollten uns bitte nicht sagen, welche Ideen das sind. Die entwickeln wir aus der Freiheit der Künste heraus, weil sie unbedingt ist. Weil sie nichts ist, was ein Staat zu gewähren hat, sondern eine konstitutive Voraussetzung künstlerischer Arbeit. Wenn die Kunst nicht die Freiheit hat, ihre Stoffe, ihre Positionen, ihre Ästhetiken selbst aus ihrem Eigensinn heraus zu entwickeln, ist sie keine Kunst. Dann ist sie nur die ästhetische Innenausausstattung eines Gemeinwesens, das sich bereits für eine bestimmte Vorstellung von sich selbst entschieden hat.
Die Künste öffnen Räume, in denen wir verhandeln, wie wir sein wollen. Und ich möchte Sie alle bitten sich genau in diese Verhandlungen zu begeben: Weil wir aus meiner Sicht nichts dringender brauchen, als sich in diese Verhandlungen hineinzuwerfen, weil sie besser werden, wenn wir uns als Teil des Diskurses sehen. Wenn wir diese Gespräche selbstbewusst fühlen und auch denjenigen selbstbewusst Einhalt gebieten, die meinen, dass sie Antworten schon hätten. Das ist in der Regel nicht der klügste Gedanke.
Insofern lassen Sie uns gemeinsam lernen, liebevoll und respektvoll miteinander umzugehen. Lassen Sie uns gemeinsam lernen, die Demokratie aus der Freiheit ihrer Künste heraus zu verteidigen und nicht zu ihrem Preis.
Schönen Dank.