Carsten Brosda am Rednerpult
Rede
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20. September 2026

75 Jahre Landesverband Bayern: Rede von Carsten Brosda

Carsten Brosda anlässlich der Veranstaltung 75 Jahre Landesverband Bayern im Deutschen Bühnenverein am 20.9.2026

»Herzlich willkommen, liebe Julia Lehner, lieber Markus Blume, liebe Freundinnen und Freunde des Theaters! 

Ich finde, wenn ein Staatsminister verstört ist zum Anfang einer Veranstaltung, dann hat die Kunst schon verdammt viel richtig gemacht an der Stelle. Insofern Chapeau dazu.

Ein bisschen geht es darum, dieses Gefühl des nicht sofort so vollständig behaglich Fühlens für uns auch zu erzeugen als Gesellschaft, damit man dann die Gelegenheit hat, aus der Irritation gemeinsam heraus zu definieren, wie es weitergehen soll. Dafür braucht es genau diese kleinen Bruchmomente, zu denen die Künste und die Theater eben in besonderer Art und Weise fähig sind. Und ich freue mich sehr zum 75. Geburtstag – wie man gerade gehört hat: ein bisschen älter ist er eigentlich schon, aber vor 75 Jahren ist dann die Geburtsurkunde ausgestellt worden – des Landesverbandes zu kommen aus dem hohen Norden, wo wir die Kalamitäten mit dem Oktoberfest nicht kennen und auch nur eingeschränkt nachvollziehen können. Aber das ist ja das Schöne an einem Land, dessen Kultur durch die Vielfalt geprägt ist und all diejenigen, die versuchen, sowas wie eine Identität der Nation durch irgendwelche Einheit, und zwar auch in kultureller Einheit zu erreichen, immer wieder so böse leerlaufen lässt, weil es genau darum geht, dass dieses Land so unglaublich vielfältig ist, dass genau die Ästhetiken dieser Differenz eigentlich das sind, was uns ausmacht und das ist, was uns auch miteinander alle immer wieder dazu bringen sollte, genau die Freiheiten, die Markus Blume gerade eben so eindringlich beschrieben hat, auch zu leben und jederzeit zu ermöglichen, weil es ansonsten gar nicht möglich wäre, alles das, wozu wir so als Gesellschaft fähig sind, auch abbilden zu können. Insofern herzlichen Glückwunsch dazu, dass dafür 75 Jahre lang die Rahmenbedingungen hier geschaffen wurden.

Ich muss eine kleine Korrektur anbringen. Der Deutsche Bühnenverein wird 180 in diesem Jahr, noch nicht 200. Es war 1846, dass sich 19 Intendanten, damals nur Herren, zusammengefunden haben in Oldenburg, weil sie irgendwie klären wollten, wie sie Verträge so schreiben, dass ihnen nicht permanent Schauspieler abhandenkommen oder von anderen Häusern abgeworben werden.

So fing das an. Daraus ist einiges mehr geworden seitdem und daraus ist etwas geworden, über das ich ein bisschen gemeinsam mit Ihnen nachdenken möchte und ein paar Gedanken mit auf den Weg bringen will, weil schon die Konstruktion dieses Bühnenvereins ja hineinstößt in das Thema, das Markus Blume angeschnitten hat, weil ich mich noch erinnere, und das wird Julia Lehner vielleicht ähnlich gegangen sein und anderen, die Verantwortung übernehmen, auch als ich als Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg zum Präsidenten gewählt wurde, als Nachfolger von Uli Khoun, nicht wenige Beobachter der Kulturlandschaft in den Feuilletons einigermaßen verdutzt waren, dass ein Politiker Chef eines Lobbyverbandes einer Kunstsparte wird. Wenn man dann in die Geschichte zurückgeht, stellt man fest, dass eigentlich lange Zeit es immer wieder Politiker gewesen sind und dann zwischendurch irgendwann sich mal, der auch hier in Bayern lange praktizierte, immer turnusmäßige Wechsel zwischen Kunst und Politik eingeschlichen hat. 

Das hat schon etwas damit zu tun, dass dieser Bühnenverein auch Ausdruck der Bereitschaft des Staates ist, Verantwortung für die Künste zu übernehmen. Wir haben eine ziemlich einmalige Konstruktion geschaffen, in der – kaum einen anderen Verband kenne ich in der Form – tatsächlich die künstlerische Seite und die öffentliche Hand gemeinsam darüber nachdenken, wie wir es eigentlich hinbekommen, eine solche Struktur auf die Dauer zu gewährleisten. Und das reicht weit zurück in die Geschichte des deutschen Theaterwesens.

Wie sind eigentlich Theater überhaupt entstanden? Da sehen wir zwei Kernbewegungen. Die eine ist die, die wir in vielen deutschen Städten haben, dass wir im Prinzip aus den alten Residenzen der Fürsten, der Herzöge heraus Gründungen sehen. Koblenz ist ein schönes Beispiel: Der Fürst dort wollte sich ein neues Schloss bauen; damit die Bürger das mitgemacht haben, hat er ihnen noch ein Theater gebaut. Dann haben die ausgehalten, dass er sich da ein großes Schloss hingesetzt hat. 

Solche Dinge gibt es an vielen Stellen. So sind auch Museen entstanden, weil man irgendwie das, was man so über Jahrhunderte in seinen Kriegen zusammengeraubt hatte, irgendwo auch ausstellen und zeigen wollte, sozusagen als Ausdruck der eigenen Macht. Und man wollte natürlich auch Künste haben, die erklären, warum man so regiert, wie man regiert.

Da sind aus diesem Punkt heraus Theater entstanden. Spannenderweise schon damals ausgestattet mit einer enorm hohen Freiheit. Wer sich anguckt, unter welchen Bedingungen – Martin Warnke hat das in einem paradigmatischen Werk der Kunstgeschichte aufgeschrieben: »Hofkünstler« – welche Freiheiten tatsächlich Künstlerinnen und Künstler bei Hofe hatten, dann wirkt das selbst aus heutiger Sicht recht freiheitlich. Auch vor dem Hintergrund mancher Debatte momentan, in der der eine oder andere Politiker wieder findet, dass man die Künste damit beauftragen müsste, eine bestimmte Vorstellung davon, wie es zu sein habe, zu bebildern.

Davon war man bei Hofe früher weit weg. Häufig war der Künstler vor Ort der Einzige, der dem Herrscher völlig frei sagen konnte, was von ihm zu halten wäre, weil es in diesem Modus des Als-Ob ein Stück weit versetzt war aus der tatsächlichen Machtstruktur heraus. Damit aber trotzdem eine Tür geöffnet hat, dahingehend zu überlegen, ob das eigentlich so richtig ist. 

Das übersetzt sich dann in die Fürstenspiegel, diese berühmten Bilder, die wir heute noch haben, wo die Künstler die Herrscher gezeichnet haben und in diesen Bildern eigentlich immer wieder Ideen untergebracht haben, wie man denn gerne hätte, dass der Herrscher wäre. Das aber so verpackt hat, dass der Herrscher sich selber gut dargestellt fühlte und heute man noch viel Spaß beim Interpretieren haben kann, wo sich denn die Widerhaken in diesen Bildern finden, die so als kleine leichte Anregung dafür, dass vielleicht doch nicht alles so optimal ist wie derjenige, der gerade die Macht hat, sich das so ausmalt, versteckt sind. Und diese Hofkünstler durften unglaublich viel. Und die Theater durften unglaublich viel.

Aber sie durften nicht alles. Das darf man nicht vergessen. In England ist 1737 ein Licensing Act erlassen worden, in dem es um legitimes und illegitimes Theater ging. Der Staat hat gesagt, das ist illegitim. Illegitim war alles, was irgendwie leichte, seichte Unterhaltung war und legitim war alles das, was das ordentliche Drama war, in dem man sich im großen Diskurs damit auseinandersetzen konnte, wie die Gesellschaft und wie der gesellschaftliche Gefühlshaushalt zu sein hatten. Und diese Form von staatlichem Siegel für das, was gutes Theater wäre, spukt ja bis heute in einigen Köpfen rum und deswegen bin ich Julia Lehner so dankbar für ihr deutliches Plädoyer hinsichtlich der Frage: Wie gehen wir eigentlich mit dem Miteinander von staatlich gewährleisteten Institutionen und freier Theaterproduktion besser und anders und freundschaftlicher miteinander um, um da auch Strukturen sich entwickeln zu lassen, die genau die Offenheit, die unsere Gesellschaft heute auszeichnet, auch repräsentieren. Es ist gut dass wir da weitergekommen sind, als in diesen Zeiten, in denen wir gesagt haben: Das ist legitim und das ist illegitim.

Wir in Deutschland sind Experten darin. Wir kennen E und U und Hoch und Sub und versuchen irgendwie alles immer in Schubladen zu pressen, obwohl doch eigentlich unser gesamter Alltag Ausdruck des Versuchs ist, über irgendwelche künstlerischen Ausdrucksformen mit dieser Welt zu Rande zu kommen und ihr eine Form zu geben, die für uns verstehbar ist und sie bearbeitbar macht. Dazu komme ich aber gleich noch mal vor dem Hintergrund dieses Raumes, in dem wir hier sind.

Der zweite Weg, auf dem Theater in die Republik gekommen sind, und Verantwortung dann auch der öffentlichen Hand bis heute begründen, sind die Stadtrepubliken, in denen Bürgerinnen und Bürger entschieden haben: Wir wollen ebenfalls Kulturinstitutionen haben. Die Freiheit gewährleisteten sie in der Regel auch. Aber dass man zur Freiheit auch eine Finanzierung braucht, haben sie anfangs nicht so richtig verstanden. Als in meiner Wirkungsstadt Hamburg ein deutsches Nationaltheater gegründet wurde, man Lessing als Dramaturgen herholte, war man tatsächlich der irrigen Annahme, dass ein solches Theaterunternehmung sich doch sicherlich selber tragen würde. 

Mit dem Ergebnis, dass Lessing nach zwei Jahren pleite nach Wolfenbüttel musste, um da Bibliothekar zu werden, dieses Theater wieder zugemacht hat, aber immerhin die hamburgische Dramaturgie entstanden ist, aus der man bis heute viel über das Theater lernen kann und auch viel über so Situationen, wie wir sie hier gerade gesehen haben. Denn genau so etwas beschreibt Lessing bis heute sehr anschaulich und plakativ. Aber die Freiheit von Bürgerinnen und Bürgern, die selber Institutionen schaffen wollen, in denen sie verhandeln, wie sie sein können, in denen sie Ideen davon, was sonst in der Welt möglich ist, in die Welt bringen können und in der sie sich auch miteinander aufklären können, über die Optionen, die wir sie Gesellschaft haben, das ist schon was wirklich Besonderes. Das hat bis heute durchgetragen und ist letztlich einer der Ausgangspunkte auch der Demokratisierungsprozesse unserer Gesellschaft gewesen. 

Das Verhandeln darüber, wie es sein könnte, begann erst mal am Beispiel der Kunst, bevor man dann über die Diskussion über die Künste irgendwann auch bei der Diskussion über das Politische und das Gesellschaftliche angekommen ist. Das Erste, was den feudalen Herrschaftsansprüchen entrissen wurde, waren die ästhetischen Fragen, weil man die auch da wieder, siehe Hofkünstler, ein bisschen in so einem abgesicherten Kordon bewegen konnte, aber damit eine Idee in der Welt war, die sich dann erfreulicherweise nicht mehr aufhalten ließ und bis heute nicht mehr aufhalten lässt, sondern, wir würden heute sagen, uns ausmacht in dem, wie wir sein wollen. Und das führt dazu, dass wir heute in Deutschland eine Landschaft von Theatern haben und am Beispiel Bayern ist sie ja schon beschrieben worden, die weltweit einmalig und einzigartig ist.

Als vor ein paar Monaten die »Zeit« sich mal fragte, dem allgemeinen öffentlichen Ennui entgegensetzend, an vielen Stellen, was funktioniert im Land eigentlich, haben sie eine Doppelseite gemacht. Peter Kümmel, der Theaterkritiker der »Zeit«, hat gesagt, na ja, das deutsche Theater als immaterielles Weltkulturerbe funktioniert eigentlich richtig, richtig gut. Und er schreibt, wenn man in anderen Ländern in die Städte hineinreise, wo brenne denn dann abends noch Licht? Meistens ist das eine Tankstelle, der McDonalds oder eine Spielhalle. 

In Deutschland findet man eigentlich in jeder mittleren und größeren Stadt Theater, bei denen abends noch Licht brennt. Das heißt, Orte, an denen, wie er schreibt, deswegen war die »Verwechslung« mit dem Weltkindertag auch gar nicht so falsch, »professionelle Kindsköpfe« auf den Bühnen versuchen würden, die Welt nicht nur nachzuspielen, sondern vielleicht auch zu zeigen, wie man sie verändern und anders denken kann. Das gewährleisten wir als Stadt, als Staat, als Öffentlichkeit, als Gesellschaft nach wie vor. 

Ich glaube, die Bedeutung dessen kann man erst ermessen, wenn man in Ländern unterwegs ist, in denen das nicht mehr in jeder Stadt der Fall ist, in denen es vielleicht noch einen Mehrzwecksaal gibt, in dem dann herumfahrende, professionelle oder privatwirtschaftliche Theatereinrichtungen mal hier und da spielen und eine Truppe mal vorbeikommt für zwei, drei Wochen, aber sonst auch alles Mögliche andere stattfindet. Aber dass wir wirklich sagen, wir haben Ensembles in den Städten, wir haben die Netzwerke, die da entstehen, da sind Menschen, die arbeiten an diesem Haus und halten uns den Spiegel vor und helfen uns dabei, ein bisschen besser zu verstehen, wie wir in dieser Gesellschaft eigentlich leben wollen, das ist etwas, das braucht die gemeinsame Verantwortungsübernahme. Es ist wichtig, dass der Staat als Instrument einer Gesellschaft in unserem Verständnis da auch in die Verantwortung hineingeht. Setzt aber voraus, dass – damit die Freiheiten dieser Künste gelebt werden können – der Staat sich selbst beschränkt. Und das ist das, was wir, glaube ich, auch in diesem Verband und in diesem Verein gut miteinander verhandeln können. Denn natürlich neigt jede Institution dazu, ihre eigene Wahrheit und ihre eigene programmatische Vorstellung darauf, auch auf alles das, was sie beeinflussen kann, zu übertragen, weil es ihr Geschäft ja einfacher macht.

Und natürlich stimmt es. Kultureinrichtungen, die erzählen würden, wie schön die Demokratie ist, machen auf den ersten Blick einer demokratischen Politik und demokratischen politischen Institutionen es vermeintlich leichter, die eigenen Schäfchen nach Hause zu bringen in den verworrenen Diskursen unserer Öffentlichkeit. Das gilt aber immer nur im Ad-Hoc-Moment, denn sie beschädigen damit gleichzeitig das, was eigentlich im inneren Kern diese Gesellschaft ausmacht, nämlich die unbedingte Freiheit, dass nicht determiniert wird, was auf den Bühnen passiert.

Und zwar aus keinem Grund. Und es gibt jede Menge guter und schlechter Gründe, zu determinieren, was auf Bühnen stattfindet. Und wir alle kennen und alle hier im Raum kennen die Beispiele.

Hilf mal mit, dass das mit der sozialen Inklusion ein bisschen besser passt. Der Kitt der Gesellschaft auf den Bühnen und was wir da so alles an Metaphern haben, die alle so eine Funktionalität und auch eine Plausibilität haben, aber am Ende immer davon ausgehen, dass die Kunst jetzt entsteht, um irgendetwas zu erreichen. Und dieses, um irgendetwas zu erreichen. Das ist schon der erste Schritt in die falsche Richtung. 

Und wir leben als Gesellschaft in einer Zeit, in der so wenig eindeutig ist. Markus Blume hat darauf hingewiesen, dass wir in so einer Bruchzeit leben. Irgendwie spüren wir, irgendwas geht zu Ende, irgendwas entsteht neu.

Wir wissen, wir werden das Alte so nicht festhalten können. Was das Neue ist, wissen wir auch nicht. Das sind so klassische Situationen für kollektive Neurosen, die man ausleben kann.

Das ein oder andere Beispiel dafür erleben wir in der Öffentlichkeit momentan auch sehr schön. Und natürlich versucht man, irgendwas zum Festhalten zu bringen. Und dann ist die Erwartung auf einmal an die Künste: Gebt uns doch mal was zum Festhalten.

Und so etwas Widersinniges mag man sich gar nicht ausmalen. Der große Adorno hat mal gesagt, Kunst habe die Aufgabe, Chaos in die Ordnung zu bringen. Dass wir in einer Situation, in der alles da draußen chaotisch ist, jetzt ausgerechnet von den Künsten erwarten, dass sie Ordnung schaffen sollen, ist schon ein spektakulärer Kategorienfehler, den da der ein oder andere gesellschaftlich momentan unternimmt.

Was die Künste aber können, wenn wir uns auf sie einlassen, wenn wir ihnen die Freiheit lassen, ist, uns ein Gefühl dafür zu geben, zu welcher Empathie wir Menschen fähig sind, zu welcher Imagination wir fähig sind. Zu der Frage, inwiefern ist das Theater politisch, finde ich, hat die schönste Definition aus meiner Sicht uns Max Frisch hinterlassen, als er vor mehr als einem halben Jahrhundert in Anlehnung an einen Gedanken von Bertolt Brecht vor der Dramaturgentagung in Frankfurt davon gesprochen hat, dass wir auf den Bühnen die Welt als eine veränderbare spielten. Und damit eben nicht gemeint war, da steht jemand und sagt, so soll es sein, sondern dass hier einfach nur vorgemacht wird, dass es anders sein könnte, als es ist. Und das ist schon ein spektakulärer Punkt.

Er verband das damals mit einem Beispiel: Der Theaterintendant sitzt vor seinem verschlossenen Theater, das ist seit Jahrzehnten zu, keiner weiß mehr, warum das Haus gegründet worden ist, und er soll jetzt der Gesellschaft erklären, warum es noch notwendig ist, ein Theater inmitten einer Stadt zu haben. Er greift damit die Frage auf: Wo erleben wir unsere Empathiefähigkeit, unsere Einfühlung in Rollen, die wir nicht selber leben im Alltag, die wir uns aber anwandeln und daher von innen heraus aufschließen und verstehen wollen, wo haben wir Imaginationskraft, uns andere Zukunft, andere Welten vorzustellen? Wo halten wir aus, dass Dinge uneindeutig und ausdeutbar sein müssen? Wo führen wir uns auch im ästhetischen Eigensinn unsere eigene Humanität vor Augen? Wo begegnen wir Menschen, die im realen, das wird ja gleich noch ein Gegenstand einer Diskussion sein, überhaupt in copräsenter Öffentlichkeit und nicht mehr nur in einer virtualisierten Öffentlichkeit miteinander verhandeln, wie eigentlich ein Miteinander von Gesellschaft aussehen kann. Alles das können diese Orte schaffen und können wir in diesen Orten gemeinsam miteinander ermöglichen.

Und das ist deshalb so wichtig, weil dadurch Vorstellungen und Bilder entstehen können, wie wir sein können. Und Julia Lehner hat auf die Bedeutung dieses Ortes, an dem wir uns hier heute treffen, hingewiesen. Wir neigen manchmal dazu, als Demokratinnen und Demokraten zu glauben, dass wenn die Demokratie mal errungen ist, schon alles gut ist.

Und mir geht momentan ein Buch nicht aus dem Kopf, das der große Kulturphilosoph Ernst Cassirer – der erste jüdische Rektor einer deutschen Hochschule in den 20er Jahren in Hamburg, 1945 – kurz vor seinem Tod in den USA im Exil geschrieben hat, weil er 33 vor den Nationalsozialisten fliehen musste. In dem Buch versuchte er zu ergründen, wie eigentlich die junge deutsche Demokratie wieder verloren gehen konnte. Das Buch heißt »Mythus des Staates«. Seine Kulturphilosophie, jetzt in der gröbsten Version, besagt, dass Menschen symbolische Formen über die Künste schaffen, also Bilder, Erzählungen, Geschichten, ästhetische Positionen, in denen wir die Welt quasi verdoppeln, um sie uns dann in dieser symbolischen Welt neu aneignen, begreifen und verändern zu können. Und er sagt, es sei in den 20er Jahren nicht gelungen, die symbolischen Formen einer Demokratie so weit zu entwickeln, dass sie stabil waren, als die Krise kam.

Und als dann die Krise kam, waren die archaischen Mythen, die Menschen sich über Jahrhunderte erzählt haben, also alles das, was wir philosophisch in den Naturzustand hineinschreiben, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der Stärkere setzt sich durch, diese ganzen gewalthaltigen Vorstellungen davon, wie wir Menschen miteinander umgehen können, die waren aktivierbar, die waren abrufbar, die waren als politische Ressource da. Und die symbolischen Formen für das Demokratische nicht. Und deswegen sei es nicht gelungen, aufgrund dieses vorpolitischen Versäumnis, dieses kulturellen Versäumnis, wenn man so will, die Demokratie zu sichern.

Und ein bisschen kommt mir das heute manchmal genauso vor. Wir vernachlässigen als Demokraten den kulturellen Raum. Wir beziehen die Kultur und die Position der Künste gar nicht in unseren eigenen Argumentationshaushalt mit ein.

Damit meine ich jetzt nicht, Förderprogramme nach dem Muster: Lass Kunst entstehen, die hilft, bestimmte Dinge anders zu argumentieren. Aber das Nutzen, was an Interpretationen, an Positionen, an Vorstellungen von Welt entsteht aus der Freiheit der Künste heraus, in einer politischen Auseinandersetzung, dreht die Wirkungsrichtung um, erweitert aber maximal die Möglichkeiten, über unser Dasein zu sprechen. Und ich würde mir sehr wünschen, dass die Politik dieses Interesse an der Kultur sich wieder aneignet und die Kultur zu einem Gegenstand ihrer eigenen Argumentationsmuster macht und auch aus dem Reichtum, der da ist, schöpft, aus der Vielfalt, die da ist, schöpft.

Das Eingangsbeispiel des Oktoberfestes hat gezeigt, warum unsere Kultur schon längst so vielfältig ist, wie wir es uns in Sonntagsreden immer nur einreden, dass sie sein sollte. Warum wir diese Vielfalt, diese Differenz, diese Offenheit längst leben. Und warum im Alltag auch keiner davor Angst hat. Und warum man das deswegen durchaus auch ins Bewusstsein heben könnte, damit diese Ängste gar nicht erst strategisch entstehen können oder strategisch geschürt werden, wie es momentan das ein oder andere Mal der Fall ist. Das ist ein Weg, auf dem ich tatsächlich die Freiheit der Einrichtung und die Freiheit all jener Bereiche von Gesellschaft, die gerade unter Druck geraten, und das sind neben den Künsten ja auch der Journalismus, die Wissenschaft, die Zivilgesellschaft, all die Bereiche, wo wir als Gesellschaft verhandeln, wie wir eigentlich sein wollen, dass wir diese Freiheiten erhalten können und dass wir die maximale Möglichkeit, dort auch miteinander gut umgehen zu können, tatsächlich bewahren können. Insofern ist dieser Geburtstag, der uns auf 75 Jahre zurückblicken lässt, gleichzeitig auch eine Mahnung nicht nachzulassen in der gemeinsamen Verantwortungsübernahme der öffentlichen Hand, die Räume dafür zu gewährleisten und sich selbst so weit zu beschränken, dass die Freiheiten gelebt werden können und sich da nicht einzumischen.

Da kann der Kämmerer durchaus ein Freund sein. Ein Kollege von Julia Lehner, der Vorsitzende des Landesverbandes West im Deutschen Bühnenverein, ist gleichzeitig Kulturdezernent und Kämmerer seiner Stadt Oberhausen. Insofern kann man sogar die Dialektik in sich selbst leben, wenn man möchte. Auch das scheint zu gehen.

Dialektiken wieder aushalten zu können, ist auch eine spannende gedankliche Übung für unsere Gesellschaft, die uns davon abhält, immer das Eindeutige und damit häufig Einfältige zu suchen. Denn tatsächlich müssen wir den Kämmerer zu unserem Freund machen, weil natürlich der Verlust von Mitteln für die Kunst auch eine Form der Einschränkung von Kunstfreiheit ist.

Das darf man, nicht außer Acht lassen, auch wenn es eine ist, mit der wir natürlich in bestimmten gesellschaftlichen Situationen bisweilen umgehen müssen. Aber faktisch schränkt auch das Möglichkeiten ein und dann kann man sich das schönreden, dass ja unter Druck die Innovationen entstehen. Das machen wir dann kulturpolitisch auch immer. Aber faktisch ist es erst mal eine zusätzliche Schwierigkeit, mit der wir umgehen müssen

Ich glaube, wir haben in den Theatern Orte, die uns zutiefst daran erinnern, was es heißt, als Mensch mit dieser Welt zu Rande zu kommen. Orte, an denen man vor der Welt fliehen kann, Orte, an denen man die Akkus aufladen kann, Orte, an denen man sich damit konfrontieren lassen kann, wie Welt ist und wie sie sein könnte. Und sie tun das im radikal analogen Sinne.

Und auch das ist etwas, das wichtig ist: dass wir uns daran erinnern, dass es perspektivisch ein kategorialer Unterschied ist, auch wenn es uns wie so ein kleiner, gradueller erscheint momentan, ob eigentlich eine ästhetische Position, ein Werk, das uns begegnet, Ausdruck einer Maschine ist, die errechnet, wie es sein könnte. Oder Ausdruck des Ringens des Menschen, der Menschen mit ihren Umständen in diese Welt hineingeworfen sein ist. Und beim letzteren teilhaben zu können, ist aufregend.

Beim ersten teilhaben zu können – mal so, mal so. Und insofern glaube ich schon, dass die Theater als ein Ort des radikalen Beieinanderseins übrigens so weit gehen, dass ja selbst im Publikum sich der Pulsschlag angleicht. Selbst dazu gibt es Studien in England.

Wenn Sie erst mal lange genug in einem Raum sitzen, das Gleiche erleben, schwingt sich Ihre Herzfrequenz aufeinander ein. Wir sind mehr Gruppen- und Herdentiere, als wir das manchmal liebhaben wollen. Das führt aber auch dazu, dass wir ein Gefühl füreinander bekommen.

Und Markus Blume hat völlig recht. Die Freiheit des Publikums ist unbedingter Teil dieser Freiheit der Künste. Und man kann das an einem kleinen Gedankenexperiment überprüfen.

Achten Sie mal im Alltag darauf, wie häufig Sie den Satz hören: Das darf man doch nicht sagen. Und wie selten der Satz geworden ist: Ich finde falsch, was du sagst.

Auch das ist ein kategorialer Unterschied und nicht nur ein gradueller. Der erste Satz beendet ein Gespräch und einen Diskurs, bevor es überhaupt angefangen hat. Der zweite fordert dazu auf, zu begründen und eröffnet die Möglichkeit des Streits über das, was wir miteinander machen wollen. Wenn wir eins dringender brauchen denn je, dann den Streit.

Den Streit darüber, und zwar den respektvollen Streit, wie es eigentlich weitergehen soll. Das weiß nämlich noch keiner. Das werden wir nur gemeinsam erarbeiten können.

Die Bühnen können ästhetische Positionen und Anregungen in diese Unsicherheit und in diese Konfusion hineinrammen, mit denen wir uns dann auseinandersetzen können, die wir verwerfen können, die wir aufnehmen können, aber die unsere Optionen verbreitern. Und das ist ehrlicherweise in der heutigen Zeit gar nicht mal so wenig. Das ist eigentlich sogar verdammt viel, weil es den Kopf öffnet.

Und insofern danke ich dem Bühnenverein Bayern für 75 Jahre Kopföffnen, für 75 Jahre Menschen zum Streiten bringen und für 75 Jahre Verantwortungsübernahme für die Theater, Bühnen und Orchester dieses Landes. Und wie der Staatsminister sagte: Ad multos annos, weil das brauchen wir immer. Es wird keinen Zeitpunkt geben, es darf auch keinen Zeitpunkt geben, an dem wir irgendwann in eine deutsche Stadt reisen und die einzigen Orte, an denen das Licht noch brennt, sind Tankstelle, Casino oder McDonald's.

 In diesem Sinne halten wir die Theater offen und vor allen Dingen hell. Schönen Dank.«

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