Interview
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22. Oktober 2026

Dennis Kipker: »Cybersecurity ist längst eine Frage für die Kulturbetriebe«

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat am gestrigen Mittwoch auf eine hochkritische Schwachstelle der Programmiersprache PHP aufmerksam gemacht. Schnell war klar: Wir haben es mit einer schweren Cyberbedrohung zu tun. Die Sicherheitslücke betraf Millionen Webseiten und machte auch vor deutschen Theatern und Orchestern nicht Halt. Einige Häuser mussten ihre Webseiten vorübergehend offline nehmen, Tickets konnten dann beispielsweise nur noch telefonisch bestellt werden. 

Der Vorfall zeigt, wie entscheidend Cybersecurity auch für Kulturbetriebe ist. 
Dennis Kipker ist führender Experte im Bereich Cybersecurity. Er hat das cyberintelligence.institute in Frankfurt gegründet, forscht und ist Kolumnist u.a. beim ZDF und beim Tagesspiegel. Im November wird er auf der 72. Pearle*-Konferenz, einem Treffen der europäischen Arbeitgeberverbände der darstellenden Künste, die aktuelle Bedrohungslage in Bezug auf Künstliche Intelligenz und Cyberrisiken analysieren. 

Mit ihm haben wir über digitale Sicherheit und Künstliche Intelligenz an Theatern und Orchestern gesprochen. 

Spielt Cybersecurity auch für Kulturbetriebe wie Theater und Orchester eine wichtige Rolle?

Cybersecurity ist längst auch eine Frage des Kulturbetriebs. Theater und Orchester verarbeiten sensible Daten von Abonnentinnen, Spendern und Beschäftigten, verkaufen Karten online und steuern Licht, Ton und Bühnenmechanik über vernetzte Systeme. Ein Angriff trifft deshalb nicht nur die Verwaltung, sondern den Spielbetrieb und das Vertrauen des Publikums. Besonders gefährlich sind Ransomware*, Phishing und Angriffe über Dienstleister. Wenig Personal, knappe Mittel und ständig wechselnde externe Mitwirkende vergrößern die Angriffsfläche zusätzlich.

Wie können Theater und Orchester digital sicherer werden?

Digitale Sicherheit beginnt in Kulturhäusern mit wenigen, konsequent umgesetzten Basismaßnahmen: Zwei-Faktor-Anmeldung, aktuelle Software, regelmäßige und getestete Datensicherungen sowie eine klare Trennung von Verwaltungs- und Veranstaltungstechnik. Ebenso wichtig sind Zugriffsrechte für Gäste und Freischaffende, die mit dem Engagement enden, und ein Notfallkonzept, das einen Vorstellungsabend auch ohne IT ermöglicht. Da einzelne Häuser kaum eigene Sicherheitsabteilungen finanzieren können, lohnen sich gemeinsame Beratung, Schulungen und Dienstleister im Verbund, etwa über Träger oder Verbände.

Theater wirkt analog im Zusammenspiel von Bühne und Publikum. Wie betrachten Sie diese Kunstform, gerade in Bezug auf Künstliche Intelligenz?

Theater lebt von der unmittelbaren Begegnung zwischen Bühne und Publikum, und genau darin liegt seine Stärke gegenüber KI: Das gemeinsame Erleben in Echtzeit lässt sich weder vervielfältigen noch simulieren. KI kann Häuser entlasten, etwa bei Übersetzung, Untertitelung, Planung oder Besucherkommunikation. Kritisch sehe ich es dort, wo künstlerische Verantwortung an Systeme abgegeben wird, deren Verhalten man nicht vollständig versteht, oder wo Stimmen und Werke von Künstlerinnen und Künstlern ohne klare Regeln nachgebildet werden. Gerade weil vieles digital austauschbar wird, gewinnt das Analoge in diesen Zeiten an Wert. 

* Bei einem Ransomware-Angriff werden Daten auf einem IT-System verschlüsselt und eine Entschlüsselung erst gegen Zahlung eines Lösegeldes in Aussicht gestellt (Quelle: BSI).

Über Dennis Kipker

Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker studierte Rechtswissenschaften und Informatik und forscht als wissenschaftlicher Leiter und Gründer des cyberintelligence.institute an der Schnittstelle von Recht und Technologie in den Bereichen Cybersicherheit, Unternehmensstrategie und digitale Resilienz im Kontext globaler Krisen, wobei sein besonderes Augenmerk dem chinesischen und US-amerikanischen IT-Recht gilt. In dieser Funktion berät er die deutsche Bundesregierung, die Europäische Kommission sowie Unternehmen weltweit, in denen er verschiedene Positionen innehat, unter anderem in Aufsichtsräten. Dennis Kipker engagiert sich ehrenamtlich beim World Justice Project in den USA und ist Mitglied des Beirats des African Center for Cyberlaw & Cybercrime Prevention (ACCP) an der Nelson-Mandela-Universität in Südafrika. Im Jahr 2025 wurde Professor Kipker in die Liste »Top 40 under 40« des Magazins Capital aufgenommen, mit der Personen gewürdigt werden, deren berufliche Arbeit als besonders einflussreich und zukunftsweisend gilt. Außerdem veröffentlicht er regelmäßig Artikel zu digitalen Themen als Kolumnist, unter anderem in der ZDF-Wissenschaftskolumne, im Tagesspiegel, bei Focus Online und in der Wirtschaftswoche.

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